In der Folge #261 „AfD – Auf dem Weg zur blauen Hegemonie?“ widmen sich Markus Lanz und Richard David Precht einer Frage, die weit über parteipolitische Umfragewerte hinausgeht: Warum gelingt es der AfD in Teilen Deutschlands, insbesondere im Osten, gesellschaftliche Stimmungslagen so erfolgreich für sich zu nutzen? Ausgangspunkt der Diskussion ist eine Reise Richard David Prechts nach Köthen. Von dort aus entwickelt sich ein Gespräch über Demografie, gesellschaftlichen Wandel, politische Kommunikation und die Theorie der kulturellen Hegemonie des italienischen Philosophen Antonio Gramsci.
Die Herzen gewinnen, bevor man Mehrheiten gewinnt
Zu Beginn zeichnet der Podcast ein eindringliches Bild ostdeutscher Regionen. Anhand Köthens beschreiben Lanz und Precht eine Entwicklung, die viele Kommunen kennen: Städte sind saniert, Innenstädte modernisiert, öffentliche Räume aufgewertet. Gleichzeitig fehlen oft junge Menschen, Kinder und wirtschaftliche Dynamik. Die äußere Modernisierung steht einer spürbaren Erfahrung von Schrumpfung gegenüber. Daraus entsteht eine politische und gesellschaftliche Stimmung, die beide Gesprächspartner als folgenreich betrachten.
Von dort schlägt Precht den Bogen zur zentralen These der Folge. Er argumentiert, die AfD habe in den vergangenen Jahren eine Form kultureller Hegemonie erlangt. Gemeint ist damit nicht die parlamentarische Mehrheit, sondern die Fähigkeit, gesellschaftliche Deutungen, Gefühle und Identitäten zu prägen. Die Partei werde von vielen Menschen als nahbar, präsent und gemeinschaftsstiftend wahrgenommen. Sie schaffe Orte der Begegnung und erreiche Menschen emotional dort, wo andere Parteien oft nur noch institutionell auftreten.
Lanz folgt dieser Analyse weitgehend und ergänzt zahlreiche Beispiele. Besonders eindrücklich schildert er den Vergleich zwischen einer klassischen politischen Veranstaltungsform der SPD und einer AfD-Veranstaltung im öffentlichen Raum. Während die politische Mitte häufig in organisatorischen Strukturen denke, schaffe die AfD Erlebnisse, Nähe und Zugehörigkeit. Der entscheidende Unterschied liege – seiner Ansicht nach – oftmals nicht unbedingt in den Themen, sondern in der Art der Ansprache.
Gramsci als Schlüssel zum Verständnis
Den theoretischen Kern der Folge bildet Antonio Gramsci. Precht erläutert ausführlich dessen Kritik am klassischen Marxismus. Während Marx davon ausgegangen sei, dass wirtschaftliche Verhältnisse das politische Bewusstsein prägen, habe Gramsci stärker auf Kultur, Sozialpsychologie und gesellschaftliche Stimmungslagen geschaut. Politische Macht entstehe nicht erst in Parlamenten. Sie entstehe bereits vorher in Vereinen, Medien, Kultur, Alltag und Gemeinschaft.
Precht beschreibt Gramscis Grundgedanken mit einem einfachen Satz: Bevor man herrschend wird, muss man führend werden. Führung entstehe dabei nicht durch Belehrung, sondern durch die Fähigkeit, Menschen dort abzuholen, wo sie stehen. Aus dieser Perspektive argumentiert Precht, die politische Rechte habe Gramscis Ideen in den vergangenen Jahren erfolgreicher angewendet als die politische Linke oder die Parteien der Mitte.
Lanz lenkt die Diskussion anschließend auf soziale Medien, Influencer und neue Formen politischer Kommunikation. Beide sind sich einig, dass gesellschaftliche Deutungshoheit heute wesentlich über digitale Räume hergestellt wird. Dort habe die AfD eine Reichweite und Anschlussfähigkeit entwickelt, die andere politische Kräfte bislang nicht erreicht hätten.
Wo Lanz und Precht unterschiedlich gewichten
Bemerkenswert ist, dass sich trotz großer inhaltlicher Übereinstimmungen unterschiedliche Akzente erkennen lassen.
Markus Lanz betrachtet die Entwicklung vor allem als demokratische Herausforderung. Ihn interessiert, warum etablierte politische Akteure Menschen nicht mehr erreichen und weshalb rationale Gegenargumente oft wirkungslos bleiben. Gleichzeitig betont er die Stabilität demokratischer Institutionen und warnt vor überzeichneten Untergangsszenarien. Die Antwort sieht er eher in besserer Politik und glaubwürdigeren Zukunftsbildern.
Richard David Precht setzt einen anderen Schwerpunkt. Er kritisiert die politische Mitte deutlich schärfer. Sein Vorwurf lautet, viele Parteien verteidigten zunehmend den Status quo und begegneten Veränderungswünschen primär mit Bedenken, Verfahrenshinweisen und Gegenargumenten. Dadurch entstehe das Gefühl, dass große Reformen grundsätzlich unmöglich seien. Diese Haltung treibe viele Unzufriedene an die politischen Ränder.
Während Lanz stärker die Risiken einer AfD-geprägten Entwicklung im Blick hat, richtet Precht seine Kritik vor allem auf die aus seiner Sicht lähmende Selbstzufriedenheit der politischen Mitte. Genau in dieser Gewichtung liegt der eigentliche Dissens der Folge.
Das eigentliche Problem ist nicht die Analyse
An vielen Stellen finde ich die Diagnose der beiden überzeugend. Politik ist mehr als Verwaltung. Politik ist auch Beziehung. Politik lebt von Vertrauen, Identifikation und Zugehörigkeit. Wer Menschen nur informiert, aber nicht erreicht, wird irgendwann gegen diejenigen verlieren, die Menschen emotional ansprechen.
Die Aussage, dass die AfD gegenwärtig überdurchschnittlich erfolgreich darin ist, Menschen emotional an sich zu binden, halte ich deshalb für zutreffend. Das erklärt sich nicht allein durch Inhalte. Es erklärt sich auch durch Kommunikationsformen, Milieus, soziale Medien und veränderte Mechanismen öffentlicher Aufmerksamkeit.
Gleichzeitig beginnt für mich genau an diesem Punkt die Kritik an Prechts Argumentation.
Die Mitte sucht nicht den Stillstand
Precht zeichnet das Bild einer politischen Mitte, die vor allem den Status quo verteidigen wolle. Diese Interpretation halte ich für zu schlicht.
Mein Eindruck ist vielmehr, dass viele politische Akteure vor einem echten Dilemma stehen. Die große Mehrheit der Bevölkerung steht zur liberalen Demokratie. Gleichzeitig wünschen sich viele Menschen strukturelle Veränderungen. Die Herausforderung besteht also nicht darin, Veränderung zu verhindern. Die Herausforderung besteht darin, Veränderung demokratisch, rechtsstaatlich und praktisch umsetzbar zu gestalten.
Die politische Mitte scheitert derzeit oft nicht an fehlendem Veränderungswillen, sondern an der Schwierigkeit, Veränderung verantwortbar zu organisieren.
Das ist ein Unterschied, der im Podcast aus meiner Sicht zu wenig Beachtung findet.
Wer kommunalpolitische Verantwortung trägt, kennt dieses Spannungsverhältnis sehr genau. Fast jede größere Reform beginnt mit einer attraktiven Zielbeschreibung. Die eigentliche Arbeit beginnt erst danach. Dann stellt sich die Frage nach Finanzierung, Personal, rechtlichen Rahmenbedingungen und gesellschaftlicher Akzeptanz. Nicht jeder Hinweis auf Grenzen ist Ausdruck von Mutlosigkeit. Manchmal ist er Ausdruck von Verantwortung.
Ziele brauchen Richtung, nicht Nostalgie
Besonders interessant finde ich Prechts Forderung, Deutschland müsse wieder stärker über Ziele statt über Gründe sprechen. Dem stimme ich ausdrücklich zu. Politik darf nicht ausschließlich erklären, warum etwas nicht geht. Sie muss beschreiben, wohin eine Gesellschaft will.
Doch genau hier entsteht für mich ein Widerspruch in der Argumentation des Podcasts. Wenn die politische Antwort auf gesellschaftliche Unsicherheit vor allem in einer Rückkehr zu vermeintlich besseren Zeiten besteht oder jeder Blick für die Umsetzbarkeit abhanden kommt, entsteht daraus keine Zukunftsvision. Es entsteht Nostalgie.
Eine Gesellschaft gewinnt ihre Zukunft nicht zurück, indem sie ihre Vergangenheit kopiert.
Gerade deshalb überzeugt mich das Erfolgsnarrativ der AfD „Zurück in die gute alte Zeit“ nur begrenzt. Es mobilisiert starke Emotionen, entwickelt aber vergleichsweise wenig Vorstellungskraft für die Zukunft.
Kommunalpolitik und die Frage der kulturellen Hegemonie
Auf kommunaler Ebene wird die Debatte besonders greifbar. Die eigentliche Lehre aus Gramsci lautet für mich nicht, dass Parteien stärker polarisieren müssen. Die Lehre lautet, dass Politik wieder sichtbarer Teil des gesellschaftlichen Lebens werden muss.
Kulturelle Hegemonie entsteht nicht zuerst in Parlamenten. Sie entsteht auf Stadtfesten, im Sportverein, bei Elternabenden, in Bürgerinitiativen, auf Marktplätzen und in sozialen Netzwerken. Dort entscheidet sich, wem Menschen Vertrauen schenken.
Wer kommunale Demokratie nur in Ratssitzungen denkt, hat den Wettbewerb um gesellschaftliche Nähe bereits verloren.
Das bedeutet allerdings nicht, dass demokratische Parteien die Kommunikationsstrategien populistischer Bewegungen kopieren sollten. Es bedeutet vielmehr, dass sie wieder stärker präsent, ansprechbar und nachvollziehbar werden müssen – vor Ort und in den sozialen Medien. Da sind viele Parteien noch nicht gut aufgestellt.
Das Risiko des Umbruchs wird unterschätzt
Der Punkt, an dem ich Precht am deutlichsten widerspreche, betrifft die Bewertung politischer Risiken. In der Folge entsteht immer wieder der Eindruck, als sei der gesellschaftliche Stillstand die größere Gefahr als ein radikaler politischer Kurswechsel. Genau diese Priorität teile ich nicht.
Natürlich kann politische Stagnation problematisch sein. Doch demokratische Systeme besitzen die Fähigkeit zur schrittweisen Korrektur. Radikale Umbrüche dagegen erzeugen oft Dynamiken, deren Folgen sich kaum kontrollieren lassen.
Nicht jede Veränderung ist Fortschritt. Manche Veränderungen sind lediglich besser vermarktete Risiken.
Deshalb halte ich es für gefährlich, die Risiken disruptiver, völkischer Politik geringer einzuschätzen als die Risiken langsamer Reformen.
Zukunft braucht mehr als Zustimmung
Am Ende bleibt aus meiner Sicht eine wichtige Erkenntnis der Folge bestehen: Politik muss Menschen emotional erreichen. Wer lediglich verwaltet, wird keine gesellschaftliche Führung entwickeln.
Gleichzeitig reicht emotionale Anschlussfähigkeit allein nicht aus. Politik wird nicht dadurch gut, dass sie sich gut anfühlt. Sie wird dann gut, wenn sie Orientierung, Gemeinschaft und Problemlösung miteinander verbindet.
Das eigentliche kommunalpolitische Lehrstück dieser Podcast-Folge lautet deshalb für mich: Demokratie muss wieder näher an die Menschen heranrücken. Aber sie darf dabei nicht ihre Fähigkeit verlieren, zwischen populären Antworten und tragfähigen Lösungen zu unterscheiden.
Und gleichzeitig gilt weiterhin: Demokratie lebt davon, dass Menschen sich beteiligen. Wer Politik nur konsumieren will, stärkt die politischen Extreme.
Denn Zustimmung gewinnt man relativ schnell. Zukunft gestaltet man deutlich langsamer.
____________________________________________________________________________________________________
Warum diese Reihe
Mit „Lanz & Precht – vor Ort“ übersetze ich die großen Debatten des Podcasts in konkrete kommunalpolitische Fragen. Welche Thesen werden hier eigentlich verhandelt? Welches Politik- und Menschenbild steckt dahinter? Was bedeutet das ganz praktisch für Städte, Gemeinden und lokale Demokratie? Und wo sehe ich Zustimmung, Zweifel oder klaren Widerspruch? „Lanz & Precht – vor Ort“ steht für Analyse, Einordnung und lokale Erdung. Es ist mein Blick auf den Podcast aus kommunalpolitischer Perspektive. Dieser Newsletter steht in keinem Zusammenhang mit dem Original-Podcast „Lanz & Precht“ und versteht sich ausdrücklich als unabhängige Kommentierung.
Fortsetzung folgt…