Die Folge #252 „Philosophie – ein Kompass in Krisenzeiten?“ von Lanz & Precht beginnt ungewöhnlich leise. Nicht Krieg, Krise oder Weltpolitik stehen am Anfang, sondern die Frage nach den „zwecklosen Dingen“ des Lebens. Richard David Precht beschreibt eine Gesellschaft, die nahezu jede Lebensäußerung unter Effizienzgesichtspunkten betrachtet und damit genau jene Eigenschaften verliert, die das Menschsein eigentlich ausmachen. Markus Lanz greift diesen Gedanken auf und verbindet ihn mit einem christlich geprägten Menschenbild, das Fehler, Schwächen und Unvollkommenheit nicht als Defizite, sondern als Voraussetzungen für Beziehungen, Gemeinschaft und Persönlichkeit versteht.
Rolle der Philosophie
Aus dieser Beobachtung entwickelt sich die eigentliche Fragestellung der Folge: Welche Rolle kann Philosophie in einer Zeit übernehmen, die von Krisen, Unsicherheit und Orientierungslosigkeit geprägt ist? Während Precht die Philosophie als Gegenentwurf zur Expertokratie beschreibt, sieht Lanz ihre Aufgabe vor allem darin, Perspektiven zu erweitern und Denkverbote aufzubrechen. Beide eint die Überzeugung, dass die vergangenen Jahre von einer starken Verengung öffentlicher Debatten geprägt waren.
Besonders deutlich wird dies bei der Betrachtung von Pandemie und Ukrainekrieg. Precht vertritt die Position, dass in diesen Jahren die Experten die Philosophen verdrängt hätten. Virologen, Militärhistoriker und Fachwissenschaftler seien zu den maßgeblichen Stimmen geworden, während grundsätzliche Fragen nach gesellschaftlichen Alternativen kaum noch gestellt worden seien. Seine Sorge richtet sich weniger gegen Expertise selbst als gegen den Anspruch, aus Fachwissen unmittelbar politische Wahrheiten abzuleiten.
Lanz widerspricht dieser Diagnose nicht grundsätzlich, setzt aber einen anderen Schwerpunkt. Für ihn liegt das Problem nicht in der Existenz von Experten, sondern in der fehlenden Vermittlung zwischen Expertenwissen und gesellschaftlicher Debatte. Er verteidigt ausdrücklich die Rolle wissenschaftlicher Expertise, fordert jedoch gleichzeitig mehr journalistische Selbstkritik und mehr Offenheit für Unsicherheit und Irrtum.
Die unterschiedlichen Akzente lassen sich vor allem aus den jeweiligen Rollen erklären. Precht argumentiert aus der Perspektive des Philosophen, der grundsätzliche Fragen stellt und größere Zusammenhänge in den Blick nimmt. Lanz hingegen spricht als Journalist, der komplexe Inhalte einordnet und für die Öffentlichkeit zugänglich macht. Was zunächst wie ein Gegensatz erscheint, ist daher eher Ausdruck unterschiedlicher Zugänge: Hier die Reflexion über das Allgemeine, dort die Vermittlung konkreter Inhalte.
Im weiteren Verlauf verschiebt sich die Diskussion zunehmend auf das Verhältnis zwischen Staat, Bürger und Demokratie. Beide diagnostizieren eine wachsende Kultur der Delegation. Immer mehr gesellschaftliche Probleme würden an den Staat weitergereicht, während Eigenverantwortung und Gemeinsinn zurückgingen. Precht spricht von einem regelrechten Verantwortungssterben, Lanz von einer „Lieferando-Haltung“ gegenüber dem Staat.
Im Zentrum steht dabei eine deutliche Kritik an politischen Entwicklungen und Strukturen. Besonders scharf fällt die Kritik an einem politischen System aus, das den Bürgern immer weniger zutraue und immer mehr normiere, reguliere und absichere. Beide sehen darin Ausdruck eines paternalistischen Menschenbildes, das Freiheit zunehmend durch Verwaltung ersetzt.
Bis hierhin folgt die Argumentation einer klaren Linie. Und genau hier beginnt zugleich mein Widerspruch.
Die Logik der Entlastung
Über weite Strecken der Folge richten sich Kritik und Verantwortung nahezu ausschließlich an Politik, Medien und staatliche Institutionen. Politiker erscheinen als Akteure, die Freiheit einschränken, Eigenverantwortung verdrängen und Bürger bevormunden. Die Sprache ist dabei bewusst zugespitzt und personifiziert.
Im letzten Drittel der Folge verändert sich jedoch die Perspektive grundlegend. Nun erscheinen Politiker plötzlich selbst als Getriebene eines Systems aus Medienlogik, Wahlzyklen, juristischen Vorgaben und gesellschaftlichen Erwartungen. Die Politik könne gar nicht anders handeln, weil sie selbst unter strukturellem Druck stehe.
Genau an dieser Stelle entsteht ein argumentativer Bruch.
Wenn Politik durch gesellschaftliche Erwartungen, mediale Dynamiken und institutionelle Zwänge geprägt wird, dann kann sie nicht gleichzeitig alleiniger Verursacher dieser Entwicklungen sein. Wer die Systemzwänge ernst nimmt, muss auch die Verantwortung breiter verteilen.
„Wer Politik zum Sündenbock erklärt, macht Bürger zu Zuschauern ihrer eigenen Demokratie.“
Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, warum Politiker handeln, wie sie handeln. Die eigentliche Frage lautet, warum wir als Gesellschaft jene politischen Anreize erzeugen, die wir anschließend beklagen.
Philosophie ist Reflexion, nicht Regierung
An diesem Punkt lohnt sich auch eine präzisere Trennung zwischen Philosophie und Politik.
Ich teile ausdrücklich Prechts Verständnis der Philosophie als Raum des Fragens, Zweifelns und Perspektivwechsels. Die sokratische Idee der Mäeutik, der Hebammenkunst neuer Gedanken, gehört zu den wertvollsten Traditionen europäischen Denkens.
Problematisch wird es jedoch dort, wo philosophische Reflexion beginnt, politische Handlungsanweisungen zu ersetzen.
Philosophie ist stark im Beschreiben von Spannungen und Widersprüchen und erhebt zugleich den Anspruch, das Allgemeine zu durchdringen – genau das nimmt Precht für sich in Anspruch. Politik hingegen muss Entscheidungen unter Unsicherheit treffen und im Konkreten funktionieren. Der Philosoph darf im Fragemodus bleiben und das Allgemeine ausloten. Der Bürgermeister, die Ministerin oder der Gemeinderat müssen im Antwortmodus handeln und das Spezielle gestalten.
„Philosophie denkt im Allgemeinen. Politik entscheidet im Konkreten.“
Gerade in Krisenzeiten ist diese Unterscheidung wichtiger denn je.
Wir alle sind Politik
Noch grundlegender erscheint mir jedoch eine andere Beobachtung – und hier richtet sich meine Kritik ausdrücklich an Lanz und Precht selbst.
Die Folge spricht permanent über Politik, behandelt Politik aber fast ausschließlich als Tätigkeit von Regierungen, Parlamenten und Ministerien. Damit entsteht eine Verkürzung, die sie zugleich kritisieren und reproduzieren: Politik erscheint als etwas, das „die da oben“ tun, während „die da unten“ vor allem reagieren. Das aristotelische Bild vom Menschen als politischem Wesen bleibt so erstaunlich unvollständig.
Denn Politik beginnt nicht erst im Bundestag. Politik beginnt dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen, Interessen ausgleichen und Gemeinschaft organisieren. Sie beginnt im Verein, in der Schule, in der Nachbarschaft und im Ehrenamt. Sie beginnt dort, wo Menschen kandidieren, diskutieren oder sich bewusst dagegen entscheiden.
Auch Nicht-Handeln ist politisches Handeln.
Wenn Lanz und Precht eine „Lieferando-Haltung“ gegenüber dem Staat kritisieren, dann greifen sie damit zwar ein reales Problem auf – lassen aber zugleich zu, dass Verantwortung einseitig verteilt wird. Ihre Kritik kann sich nicht nur an die Politik richten, weil wir alle Politik sind.
„Demokratie scheitert selten an schlechten Politikern. Sie scheitert häufiger an guten Bürgern, die sich zurückziehen.“
Diese Perspektive verändert den Blick auf Verantwortung grundlegend.
Der blinde Fleck der Folge
Vielleicht die größte Leerstelle der gesamten Diskussion ist deshalb die vollständige Abwesenheit der Kommunalpolitik.
Der Staat erscheint bei Lanz und Precht als abstrakter „Super-Daddy“, der Regeln erlässt, Verantwortung übernimmt und Bürger entmündigt. Dieses Bild mag auf Teile der Bundespolitik zutreffen. Es beschreibt aber nur einen kleinen Teil politischer Wirklichkeit. Kommunalpolitik funktioniert anders.
Hier sitzen die Beteiligten nicht in Talkshows, sondern nebeneinander in Sporthallen, Vereinsheimen und Ausschusssitzungen. Hier werden Konflikte nicht abstrahiert, sondern konkret verhandelt. Hier ist Politik selten ideologisch und fast immer pragmatisch. Gerade auf kommunaler Ebene zeigt sich täglich, dass Demokratie kein Lieferdienst ist.
„Kommunalpolitik ist der Ort, an dem aus Staatsbürgern wieder Mitbürger werden können – aber nicht automatisch werden.“
Wer eine neue Kita plant, einen Radweg diskutiert oder um Vereinsförderung ringt, erlebt Politik nicht als Bevormundung, sondern als Aushandlung gemeinsamer Interessen.
Gleichzeitig wäre es falsch, Kommunalpolitik als Ort der politischen Glückseligkeit zu verklären. Ja, viele Menschen engagieren sich – aber eben auch zu viele nicht. Auch hier gibt es Überforderung, Nachwuchsmangel und strukturelle Probleme.
Gerade deshalb greift die Verkürzung der Folge zu kurz. Wenn „die Politik“ pauschal kritisiert wird, ohne zwischen Ebenen zu unterscheiden, wird auch die kommunale Realität mitgemeint – obwohl sie oft ganz anders funktioniert.
Deshalb überzeugt mich die Diagnose eines allgemeinen Verantwortungssterbens nur begrenzt. Millionen Menschen engagieren sich ehrenamtlich, kandidieren für Gemeinderäte oder übernehmen Verantwortung in Vereinen, Feuerwehren und Initiativen.
Sie kommen im Politikbild dieser Folge nicht vor.
Der eigentliche Kompass
Vielleicht liegt hier die eigentliche Antwort auf die Frage des Podcasts.
Philosophie kann tatsächlich ein Kompass in Krisenzeiten sein. Aber ein Kompass ersetzt keine Bewegung. Er zeigt lediglich die Richtung.
Die eigentliche Aufgabe bleibt gesellschaftlich und politisch.
Nicht mehr Experten werden unsere Demokratie retten. Nicht mehr Philosophen. Nicht mehr bessere Politiker. Sondern mehr Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.
„Eine Demokratie wird nicht durch zu wenig Staat gefährdet, sondern durch zu wenig Bürgergesellschaft.“
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Warum diese Reihe
Mit „Lanz & Precht – vor Ort“ übersetze ich die großen Debatten des Podcasts in konkrete kommunalpolitische Fragen. Welche Thesen werden hier eigentlich verhandelt? Welches Politik- und Menschenbild steckt dahinter? Was bedeutet das ganz praktisch für Städte, Gemeinden und lokale Demokratie? Und wo sehe ich Zustimmung, Zweifel oder klaren Widerspruch?
„Lanz & Precht – vor Ort“ steht für Analyse, Einordnung und lokale Erdung. Es ist mein Blick auf den Podcast aus kommunalpolitischer Perspektive. Dieser Newsletter steht in keinem Zusammenhang mit dem Original-Podcast „Lanz & Precht“ und versteht sich ausdrücklich als unabhängige Kommentierung.
Fortsetzung folgt…