Warum Lanz + Precht nur teilweise richtig liegen

Im Mittelpunkt der 253. Folge von Lanz & Precht mit dem Titel „Ist der KI-Hype am Ende?“ steht das Spanungsfeld von KI-Chancen und KI-Risiken. Markus Lanz und Richard David Precht diskutieren dabei weniger die technischen Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz als vielmehr die Frage, ob Politik und Gesellschaft überhaupt vorbereitet sind auf den tiefgreifendsten technologischen Umbruch seit der Industrialisierung.

Bemerkenswert ist dabei, dass beide den technischen Fortschritt nicht grundsätzlich infrage stellen. Ihre Skepsis richtet sich vielmehr gegen eine Debatte, die den wirtschaftlichen Nutzen in den Vordergrund stellt und die gesellschaftlichen Folgen häufig nur am Rande behandelt. Gerade darin liegt die eigentliche Stärke dieser Podcastfolge. Gleichzeitig bleibt sie aus meiner Sicht an entscheidenden Stellen zu pessimistisch. Denn wer überwiegend auf die Risiken blickt, läuft Gefahr, dieselbe Einseitigkeit zu erzeugen wie jene, die KI heute bereits als Lösung nahezu aller Probleme feiern.

Der KI-Boom braucht mehr als wirtschaftliche Erwartungen

Markus Lanz eröffnet das Gespräch mit einer Beobachtung, die weit über die eigentliche KI-Debatte hinausgeht. Deutschland sucht nach einem neuen Wohlstandsmodell. Nachdem viele traditionelle Erfolgsfaktoren an Dynamik verloren haben, scheint Künstliche Intelligenz für manche Politiker bereits der nächste große Wachstumsmotor zu sein. Genau dieser beinahe reflexhafte Optimismus macht ihn misstrauisch. Er verweist auf Entwicklungen in den USA, wo längst nicht mehr nur über neue Anwendungen gesprochen werde, sondern zunehmend über Energieverbrauch, Datenzentren, gesellschaftliche Akzeptanz und politische Gegenbewegungen. Die provokante Ausgangsfrage lautet deshalb: Erleben wir möglicherweise den Höhepunkt des KI-Hypes, noch bevor seine Versprechen überhaupt eingelöst wurden?

Richard David Precht widerspricht dieser Diagnose nur teilweise. Einen Niedergang der Technologie erwartet auch er nicht. Seine Kritik richtet sich vielmehr gegen die Art und Weise, wie wir über sie sprechen. Für ihn markiert KI den Beginn eines zweiten Maschinenzeitalters, in dem nicht mehr menschliche Muskelkraft, sondern geistige Fähigkeiten automatisiert werden. Gerade deshalb hält er die öffentliche Debatte für erstaunlich oberflächlich. Während Milliardeninvestitionen, Börsenbewertungen und neue Anwendungen Schlagzeilen machten, werde viel zu selten darüber gesprochen, wie sich Arbeit, Bildung, Demokratie und Kultur verändern könnten. Diesen Hinweis halte ich für berechtigt. Technik entwickelt sich heute schneller als die Institutionen, die ihren Einsatz gestalten sollen. Genau darin liegt aus meiner Sicht die eigentliche Herausforderung.

Fortschritt ist mehr als Technik

Im weiteren Verlauf ergänzen sich die Perspektiven von Lanz und Precht. Lanz argumentiert stärker aus wirtschaftlicher und politischer Sicht. Ihn beschäftigen Investitionsblasen, Energieverbrauch, Marktkonzentrationen und die Frage, ob der versprochene Wohlstand tatsächlich bei den Menschen ankommt. Precht dagegen richtet den Blick auf das Menschenbild hinter der Technologie. Seine zentrale Frage lautet nicht, welche Fähigkeiten Maschinen künftig übernehmen können. Er fragt vielmehr, welche Fähigkeiten der Mensch dauerhaft selbst behalten sollte.

Gerade an diesem Punkt beginnt meine erste kritische Distanz zum Podcast. Beide beschreiben überzeugend, welche Risiken entstehen können. Weniger Raum erhält dagegen die Frage, welche Chancen sich eröffnen, wenn wir den Wandel aktiv gestaltet. Zwischen blindem Fortschrittsglauben und kulturpessimistischer Skepsis liegt ein dritter Weg: technologische Offenheit verbunden mit politischer Verantwortung.

„Technologie ist weder Heilsversprechen noch Bedrohung. Sie ist zunächst einmal ein Werkzeug. Entscheidend ist, wer sie gestaltet.“

Die eigentliche Herausforderung heißt Geschwindigkeit

Besonders eindrucksvoll ist die Diskussion über den Arbeitsmarkt. Lanz und Precht erwarten tiefgreifendere Veränderungen als in früheren Automatisierungswellen. Anders als während der Industrialisierung geraten nun nicht nur körperliche Tätigkeiten unter Rationalisierungsdruck, sondern zunehmend auch qualifizierte Wissensberufe. Juristen, Verwaltungsmitarbeiter, Programmierer oder Beschäftigte in kreativen Berufen könnten künftig Aufgaben verlieren, die bislang als unverzichtbar galten.

Richard David Precht entwickelt daraus seine These einer möglichen ökonomischen Refeudalisierung. Wirtschaftliche Macht konzentriere sich immer stärker bei wenigen globalen Technologiekonzernen, während gleichzeitig die gesellschaftliche Mitte schrumpfe. Markus Lanz greift dieses Bild mit der Metapher der „Sanduhrgesellschaft“ auf. Beide sehen darin erhebliche Risiken für sozialen Aufstieg und gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Diese Analyse überzeugt mich weitgehend. Allerdings würde ich die Ursache anders beschreiben. Nicht die Künstliche Intelligenz selbst bedroht den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Problematisch wird vielmehr die Geschwindigkeit, mit der sich die Technologie entwickelt. Politik, Bildungssystem, Sozialstaat und Arbeitsmarkt können sich derzeit kaum in demselben Tempo verändern.

„Der eigentliche Wettlauf findet nicht zwischen Mensch und Maschine statt. Er findet zwischen technologischem Fortschritt und gesellschaftlicher Lernfähigkeit statt.“

Genau deshalb genügt es nicht, Innovation zu fördern. Ebenso wichtig ist es, Institutionen anpassungsfähiger zu machen.

Wissen ersetzt keine Erfahrung

Besonders nachdenklich wird das Gespräch dort, wo Richard David Precht den sogenannten Automation Bias beschreibt. Menschen neigten dazu, maschinellen Ergebnissen grundsätzlich mehr Vertrauen entgegenzubringen als menschlicher Erfahrung. Wissen werde jederzeit verfügbar, ohne dass man sich selbst noch intensiv mit einem Thema auseinandersetzen müsse. Dadurch drohten Neugier, Urteilskraft und persönliche Erfahrung an Bedeutung zu verlieren.

Markus Lanz ergänzt diese Überlegung um Beispiele aus Schulen, Universitäten und Redaktionen. Hausarbeiten, Pressemitteilungen oder journalistische Texte entstehen bereits heute teilweise mit Hilfe generativer KI. Daraus entwickelt sich die berechtigte Frage, ob Menschen künftig noch lernen, eigenständig zu denken oder lediglich lernen, gute Prompts zu formulieren.

Diese Sorge teile ich ausdrücklich. Wer Wissen nur noch konsumiert, wird kaum noch Urteile bilden können. Gleichzeitig folgt daraus für mich eine andere Schlussfolgerung als im Podcast. Nicht die Bildungsinstitutionen verlieren ihre Berechtigung. Sie müssen sich vielmehr grundlegend verändern.

„Nicht die Universität verliert ihren Wert. Wertlos wird eine Universität, die lehrt wie vor der KI.“

Gerade deshalb brauchen wir weniger Diskussionen darüber, ob Schülerinnen, Schüler oder Studierende KI nutzen dürfen. Wir sollten darüber sprechen, welche Kompetenzen Menschen künftig benötigen, um KI verantwortungsvoll einzusetzen. Kreativität, Quellenkritik, ethisches Urteilsvermögen und eigenständiges Denken werden wichtiger – nicht unwichtiger.

Warum mich der Grundton des Podcasts nicht vollständig überzeugt

So nachvollziehbar viele Warnungen von Lanz und Precht sind, so deutlich wird im Verlauf des Gesprächs auch ein Grundton des Misstrauens gegenüber technologischem Fortschritt. Immer wieder entsteht der Eindruck, als entwickele sich KI zwangsläufig zu einem Instrument wirtschaftlicher Machtkonzentration, kultureller Verarmung oder gesellschaftlicher Kontrolle. Diese Risiken existieren. Aber sie sind keine Naturgesetze.

Gerade hier unterscheidet sich meine Sichtweise.

„Nicht die künstliche Intelligenz bedroht unsere Gesellschaft. Gefährlich wird sie erst dort, wo wir den Wandel gesellschaftlich verschlafen.“

Kommunalpolitik beginnt dort, wo Zukunft konkret wird

Gerade deshalb lohnt sich der Blick auf die kommunale Ebene. Denn dort entscheidet sich, ob Künstliche Intelligenz für die Menschen zu einem abstrakten Bedrohungsszenario oder zu einem konkreten Fortschritt wird. Während auf Bundes- und europäischer Ebene häufig über Regulierung, Rechenzentren oder Milliardeninvestitionen diskutiert wird, stellt sich in Städten und Gemeinden eine viel praktischere Frage: Verbessert KI das Leben der Menschen tatsächlich?

Kommunal gedacht verändert KI nicht zuerst die Welt, sondern den Alltag. Sie kann helfen, dem Fachkräftemangel in der Verwaltung zu begegnen, Genehmigungsverfahren zu beschleunigen oder Bürgeranfragen schneller zu beantworten. Sie kann Lehrkräfte entlasten, soziale Einrichtungen unterstützen und mittelständischen Unternehmen neue Möglichkeiten eröffnen, wettbewerbsfähig zu bleiben. Gleichzeitig entstehen neue Anforderungen an Datenschutz, Transparenz und politische Verantwortung. Genau deshalb ist KI keine reine Technologiefrage. Sie ist eine Gestaltungsaufgabe für die demokratische Selbstverwaltung.

„Kommunen werden nicht daran gemessen, wie viel KI sie einsetzen. Sie werden daran gemessen, ob dadurch das Leben der Menschen einfacher, gerechter und nachvollziehbarer wird.“

Gerade hier vermisse ich im Podcast eine stärker lösungsorientierte Perspektive. Lanz und Precht analysieren die Risiken überzeugend. Sie bleiben jedoch weitgehend offen bei der Frage, wie demokratische Institutionen den Wandel aktiv gestalten können. Aus kommunalpolitischer Sicht ist genau das die entscheidende Frage. Politik erschöpft sich nicht darin, Probleme zu beschreiben. Sie muss Antworten entwickeln.

Die eigentliche Zukunftsaufgabe

Aus meiner Sicht steht Deutschland deshalb nicht vor einer KI-Krise, sondern vor einer Modernisierungsaufgabe. Wir müssen lernen, unsere Institutionen mindestens so schnell weiterzuentwickeln wie die Technologien, die unseren Alltag verändern.

Das betrifft Schulen ebenso wie Universitäten. Es betrifft Verwaltungen ebenso wie Unternehmen. Es betrifft aber auch Vereine, Ehrenamt und kommunale Daseinsvorsorge. Überall dort, wo Fachkräfte knapper werden und Erwartungen der Bürgerinnen und Bürger steigen, kann KI ein wertvolles Werkzeug sein – wenn sie verantwortungsvoll eingesetzt wird.

„Wer Digitalisierung nur als Technikprojekt versteht, wird ihre gesellschaftlichen Folgen niemals beherrschen.“

Deshalb reicht es nicht, über neue Software oder leistungsfähigere Sprachmodelle zu sprechen. Wir brauchen in der Gesellschaft und damit auch der Politik Debatten darüber, wie wir Kompetenzen entwickeln, Verantwortung organisieren und Vertrauen erhalten. Technischer Fortschritt ersetzt keine politische Gestaltung. Er macht sie dringlicher.

Bildung ist der Schlüssel

Besonders deutlich wird dies im Bildungsbereich. Der Podcast stellt zu Recht die Frage, welchen Wert klassische Prüfungsformen noch besitzen, wenn Texte und Ausarbeitungen jederzeit von einer KI erstellt werden können. Ich ziehe daraus allerdings eine andere Konsequenz.

Nicht die Institution Schule oder Universität steht zur Disposition, sondern ihre Arbeitsweise. Wer heute noch so lehrt wie vor wenigen Jahren, bereitet junge Menschen nicht auf ihre Zukunft vor.

Bildung darf sich künftig nicht mehr darauf beschränken, Wissen zu vermitteln. Wissen ist nahezu unbegrenzt verfügbar. Entscheidend wird die Fähigkeit, Informationen einzuordnen, Quellen kritisch zu bewerten, unterschiedliche Perspektiven abzuwägen und verantwortliche Entscheidungen zu treffen.

„Die wichtigste Kompetenz im KI-Zeitalter ist nicht, Antworten zu finden. Es ist die Fähigkeit, die richtigen Fragen zu stellen.“

Diese Prämisse galt zwar bereits in Vor-KI-Zeiten, wird aber durch die aktuellen Entwicklungen noch wichtiger.

KI braucht Haltung

Auch dieser Beitrag ist – wie viele meiner Texte inzwischen – mit Unterstützung Künstlicher Intelligenz entstanden. Das ist kein Widerspruch zu dem, was ich schreibe. Im Gegenteil.

KI formuliert Sätze. Sie entwickelt aber keine Überzeugungen. Sie kennt Argumente, besitzt jedoch keine Verantwortung. Sie kann Gedanken strukturieren, aber keine Haltung ersetzen.

Deshalb verändert KI aus meiner Sicht nicht den Wert menschlicher Arbeit. Sie verändert den Wert menschlicher Urteilskraft.

„KI ersetzt keine Haltung. Sie macht sichtbar, ob überhaupt eine vorhanden ist.“

Wer lediglich vorhandene Informationen zusammenführt, wird künftig leichter ersetzbar sein. Wer Zusammenhänge erkennt, Verantwortung übernimmt und Orientierung geben kann, gewinnt dagegen an Bedeutung – insbesondere auch als Politiker

wichtiger Beitrag zu einer wichtigen Debatte

Lanz und Precht gelingt mit dieser Folge ein wichtiger Beitrag zu einer wichtigen Debatte. Sie erinnern daran, dass technologischer Fortschritt niemals nur eine technische Frage ist. Sie warnen vor gesellschaftlichen Risiken, die in der politischen Euphorie häufig zu wenig Beachtung finden. Diese Warnungen verdienen Aufmerksamkeit.

Gleichzeitig bleibt mir der Blick auf die Zukunft an vielen Stellen zu defensiv. Ich teile die Analyse zahlreicher Risiken, nicht aber die Grundstimmung, die sich über weite Teile des Podcasts legt. Wer ganz überwiegend vor den Gefahren neuer Technologien warnt, läuft Gefahr, den Eindruck zu erwecken, Fortschritt sei vor allem ein Problem.

Mein Menschenbild ist ein anderes. Ich bin überzeugt, dass Demokratie lernfähig ist. Dass Politik gestalten kann. Und dass technologische Entwicklung kein Schicksal ist, sondern das Ergebnis menschlicher Entscheidungen.

„Nicht Algorithmen entscheiden über unsere Zukunft. Entscheidend bleibt, welche Werte diejenigen leiten, die sie entwickeln, einsetzen und verantworten.“

Gerade deshalb sollten wir die Diskussion über Künstliche Intelligenz weder den Technikoptimisten noch den Kulturpessimisten überlassen. Deutschland braucht keine Angst vor Innovation. Deutschland braucht den Mut, Innovation politisch zu gestalten. Und Kommunen können dabei eine Vorreiterrolle übernehmen. Denn hier zeigt sich jeden Tag, ob technischer Fortschritt tatsächlich den Menschen dient oder lediglich neue Schlagzeilen produziert.

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Warum diese Reihe

Mit „Lanz & Precht – vor Ort“ übersetze ich die großen Debatten des Podcasts in konkrete kommunalpolitische Fragen. Welche Thesen werden hier eigentlich verhandelt? Welches Politik- und Menschenbild steckt dahinter? Was bedeutet das ganz praktisch für Städte, Gemeinden und lokale Demokratie? Und wo sehe ich Zustimmung, Zweifel oder klaren Widerspruch? „Lanz & Precht – vor Ort“ steht für Analyse, Einordnung und lokale Erdung. Es ist mein Blick auf den Podcast aus kommunalpolitischer Perspektive. Dieser Newsletter steht in keinem Zusammenhang mit dem Original-Podcast „Lanz & Precht“ und versteht sich ausdrücklich als unabhängige Kommentierung.

Fortsetzung folgt …

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