In der Folge #244 „TikTok-Brain – wo bleibt unsere Aufmerksamkeit?“ diskutieren Markus Lanz und Richard David Precht die wachsende Bedeutung von Aufmerksamkeit als zentrale Ressource moderner Gesellschaften. Ausgangspunkt ist eine zunächst einfache, dann aber weitreichende Beobachtung: Politische Kommunikation folgt immer stärker den Logiken sozialer Medien – schnell, zugespitzt, emotional und vor allem darauf ausgerichtet, möglichst viel Aufmerksamkeit zu erzeugen.

Aufmerksamkeit ersetzt Substanz

Lanz nähert sich dem Thema über konkrete politische Praxis. Am Beispiel von Donald Trump beschreibt er eine Form von Politik, die nicht mehr primär auf Problemlösung abzielt, sondern auf permanente Irritation und Sichtbarkeit. Botschaften werden wie in einem Experiment in den öffentlichen Raum geworfen, ihre Wirkung wird beobachtet, erfolgreiche Muster werden verstärkt, andere fallen wieder weg. Politik funktioniert damit zunehmend wie ein kontinuierlicher Testlauf: Was Resonanz erzeugt, setzt sich durch.

Diese Logik hat aus seiner Sicht eine klare Konsequenz: Aufmerksamkeit ersetzt Substanz. Es geht weniger darum, konsistente Positionen zu entwickeln, sondern darum, immer wieder neue Impulse zu setzen, die öffentliche Aufmerksamkeit binden. Lanz beschreibt damit eine Form von politischer Kommunikation, die sich an den Mechanismen digitaler Plattformen orientiert – schnell, reaktiv und stark auf Wirkung ausgerichtet.

Überfülle der Gegenwart

Precht setzt an einem anderen Punkt an und erweitert die Perspektive. Für ihn ist diese Entwicklung kein bloßes Kommunikationsphänomen, sondern Ausdruck einer tiefergehenden kulturellen Verschiebung. Er spricht von einer „Überfülle der Gegenwart“, in der immer mehr Ereignisse gleichzeitig um Aufmerksamkeit konkurrieren. Dadurch entstehe eine Art Daueraufgeregtheit: Themen gewinnen kurzfristig enorme Bedeutung, verschwinden aber ebenso schnell wieder aus dem Bewusstsein.

Entscheidend ist für Precht, dass sich damit auch die Struktur von Wahrnehmung verändert. Die Fähigkeit zur Einordnung, zur längerfristigen Beschäftigung mit Themen, nimmt ab. Aufmerksamkeit wird fragmentierter, flüchtiger und stärker von äußeren Reizen gesteuert. Daraus folgt eine Art kollektives Vergessen: Was gestern noch dominierte, ist heute bereits überlagert.

Die Logik der Provokation

Gleichzeitig beschreibt Precht eine zweite Verschiebung: Die Logik der Provokation, die früher vor allem in der Kunst eine Rolle spielte, sei heute in die Politik gewandert. Politik übernehme zunehmend die Rolle des „Störers“, der durch gezielte Reize Aufmerksamkeit erzeugt. Damit verliere sie jedoch einen Teil ihrer ursprünglichen Funktion, nämlich Orientierung und Verlässlichkeit zu bieten.

Die Perspektiven treffen sich jedoch in einem zentralen Punkt: Aufmerksamkeit wird zur entscheidenden Währung. Sie bestimmt, was gesehen, diskutiert und letztlich politisch relevant wird.

Wenn Aufmerksamkeit Politik verändert

Der Blick auf Donald Trump ist dabei kein Sonderfall, sondern ein Hinweis auf eine grundsätzliche Entwicklung. Aufmerksamkeit entscheidet immer stärker darüber, was politisch überhaupt noch wahrgenommen wird. Wer laut ist, wird gehört, wer differenziert argumentiert, hat es schwerer. Das verschiebt die Spielregeln: Politik wird schneller, zugespitzter – und oft auch oberflächlicher. Oder klar gesagt: Nicht die beste Lösung setzt sich durch, sondern die größte Aufmerksamkeit.

Verantwortung lässt sich nicht abschieben

Die Analyse überzeugt. Was mir fehlt, ist die klare Antwort auf die Frage, wer damit umgeht. Denn hier kippt die Debatte schnell in ein Entweder-oder-Logik:

Entweder der Staat soll regulieren oder jeder Einzelne ist selbst verantwortlich. Beides greift zu kurz.

Der Umgang mit Aufmerksamkeit ist keine Aufgabe für einen allein – er entsteht im Zusammenspiel von persönlicher Haltung und gesellschaftlichen Regeln. Wir entscheiden selbst, wie wir mit Medien umgehen. Gleichzeitig bewegen wir uns in Systemen, die darauf ausgelegt sind, uns möglichst lange zu binden. Beides gehört zusammen. Oder zugespitzt: Wer nur auf den Staat schaut, macht es sich zu einfach. Wer nur auf das Individuum setzt, auch.

Kommunal gedacht: Wenn die große Logik im Kleinen ankommt

Und genau hier wird es kommunalpolitisch konkret. Denn das, was auf der großen Bühne funktioniert, landet eins zu eins im Alltag vor Ort – nur unter völlig anderen Bedingungen. Ehrenamtliche Kommunalpolitiker erleben diese Veränderung unmittelbar: Sie sitzen abends im Ausschuss, sprechen mit Bürgern, kümmern sich um konkrete Probleme. Gleichzeitig merken sie, dass ihre Arbeit kaum wahrgenommen wird, wenn sie nicht sichtbar gemacht wird. Daraus entsteht ein ganz praktisches Spannungsfeld:

Man arbeitet nah an den Menschen – wird aber danach bewertet, wie sichtbar man ist.

Ein Beispiel macht das greifbar: Ein sachlich gut begründeter Beschluss erzeugt oft wenig Resonanz. Ein zugespitzter Post hingegen sofort. Das verändert Verhalten – nicht aus Überzeugung, sondern aus Anpassung an die Logik. Genau hier liegt das eigentliche Dilemma: Kommunalpolitik lebt von Nähe, wird aber zunehmend nach Aufmerksamkeit bewertet.

Das eigentliche Dilemma des Ehrenamts

Diese Entwicklung trifft auf Strukturen, die dafür nicht gemacht sind. Kommunalpolitik wird immer stärker an Maßstäben gemessen, die aus der professionellen Politik stammen: schnell reagieren, klar zuspitzen, ständig präsent sein. Gleichzeitig bleiben die Voraussetzungen begrenzt: Es ist Ehrenamt, Zeit ist knapp, professionelle Kommunikationsstrukturen fehlen oft.

Die Erwartungen steigen – die Möglichkeiten bleiben begrenzt.

Das führt zu Überforderung und nicht selten zu Frust. Denn wer sich auf Inhalte konzentriert, bleibt unsichtbar. Wer sichtbar sein will, muss Zeit investieren, die oft fehlt.

Subsidiarität konkret gedacht

An dieser Stelle greifen beide Linien ineinander: Aufmerksamkeit und Verantwortung. Die Antwort liegt nicht in einem einfachen „mehr Staat“ oder „mehr Selbstdisziplin“, sondern in einer klaren Balance.

Verantwortung beginnt im Alltag – und braucht Unterstützung, wo sie an Grenzen stößt.

Eltern prägen den Umgang mit Medien, Schulen vermitteln Konzentration, Vereine schaffen reale Begegnung, Kommunen organisieren diese Räume. Der Staat wiederum setzt dort Grenzen, wo Systeme gezielt Überforderung erzeugen. Keine Ebene kann die andere ersetzen. Oder klar formuliert: Eigenverantwortung braucht Unterstützung – staatliches Handeln braucht Maß.

Sichtbarkeit ist nicht alles

Die Folge zeigt eindrücklich, wie sehr Aufmerksamkeit unsere Gesellschaft verändert. Diese Entwicklung ist nicht neutral – sie verändert auch Politik, besonders dort, wo Ressourcen knapp sind. Wenn Aufmerksamkeit zum Maßstab wird, geraten die leisen Formen von Politik unter Druck. Gerade auf kommunaler Ebene ist das spürbar. Die Aufgabe besteht deshalb nicht darin, Aufmerksamkeit abzulehnen, sondern sie einzuordnen. Oder zum Schluss:

Demokratie braucht Sichtbarkeit – aber sie lebt von dem, was dahintersteht.

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Warum diese Reihe

Mit „Lanz & Precht – vor Ort“ übersetze ich die großen Debatten des Podcasts in konkrete kommunalpolitische Fragen. Welche Thesen werden hier eigentlich verhandelt? Welches Politik- und Menschenbild steckt dahinter? Was bedeutet das ganz praktisch für Städte, Gemeinden und lokale Demokratie? Und wo sehe ich Zustimmung, Zweifel oder klaren Widerspruch? „Lanz & Precht – vor Ort“ steht für Analyse, Einordnung und lokale Erdung. Es ist mein Blick auf den Podcast aus kommunalpolitischer Perspektive. Dieser Newsletter steht in keinem Zusammenhang mit dem Original-Podcast „Lanz & Precht“ und versteht sich ausdrücklich als unabhängige Kommentierung.

Fortsetzung folgt…

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