Folge 231 von Lanz & Precht – Werden wir immer fauler? gehört für mich zu den analytisch dichtesten Episoden dieser Staffel. Ausgangspunkt ist eine Debatte, die politisch aufgeladen, aber inhaltlich erstaunlich unsauber geführt wird: Forderungen nach längeren Arbeitszeiten, Kritik an „Lifestyle-Teilzeit“, steigende Krankenstände, Fachkräftemangel. Von Markus Söders „eine Stunde mehr arbeiten“ bis zu ökonomischen Warnrufen reicht das Spektrum.
Was ist das Problem?!
Markus Lanz und Richard David Precht nehmen diesen Diskurs ernst – allerdings aus sehr unterschiedlichen Richtungen. Die zentrale Frage lautet: Haben wir ein Arbeits- und Leistungsproblem oder ein Deutungsproblem?
Geht es um Faulheit, um falsche Anreize, um strukturelle Überforderung – oder um eine Gesellschaft, die ihr eigenes Leistungsversprechen nicht mehr glaubt?
Beide liefern starke Argumente. Sie ergänzen sich, widersprechen sich, reiben sich produktiv. Und doch lande ich am Ende deutlich bei Lanz.
Lanz’ Einstieg: Erdung statt Empörung
Lanz beginnt pragmatisch, fast altmodisch – im besten Sinne. Er nimmt die Stimmen aus Wirtschaft, Politik und Verwaltung ernst, ohne sie reflexhaft zu diskreditieren. Der Befund eines Arbeitszeitdefizits zieht sich quer durch politische Lager. Demografischer Wandel, schrumpfende Erwerbsbevölkerung, ein Sozialstaat unter Druck: Für Lanz sind das keine abstrakten Bedrohungsszenarien, sondern reale Systemfragen.
Er stellt eine unbequeme, aber notwendige Frage: Wachsen unsere Ansprüche an Freizeit, Flexibilität und Absicherung schneller als unsere Bereitschaft, Verantwortung für die Stabilität des Systems zu übernehmen? Dabei verfällt er weder in Nostalgie noch in Moralpredigt. Sein Rückgriff auf frühere Generationen – hohe Zinsen, wenig Urlaub, unsichere Renten – ist kein „Früher-war-alles-besser“-Narrativ, sondern ein Hinweis auf historische Normalität: Unsicherheit war lange der Regelfall, nicht die Ausnahme.
Diese Perspektive ist wichtig, weil sie Erwartungshaltungen sichtbar macht. Lanz argumentiert nicht gegen Teilzeit oder Sinnsuche, sondern gegen die Illusion, man könne steigenden Wohlstand, stabile Sozialsysteme und sinkende Arbeitsleistung gleichzeitig haben.
Das ist kein Kulturkampf, sondern ökonomischer Realismus.
Prechts Gegenposition: Moralische Kritik und Sinnversprechen
Precht steigt deutlich emotionaler ein. Der Begriff „Faulheit“ triggert bei ihm sofort historische Assoziationen – von der „geistig-moralischen Wende“ bis zu nationalen Zuschreibungen vergangener Krisen. Für ihn ist klar: Der Vorwurf der Faulheit verdeckt strukturelle Probleme und dient als moralische Nebelkerze.
Sein Kernargument ist das Mismatch zwischen Versprechen und Realität. Technologischer Fortschritt, Automatisierung und KI hätten versprochen, Arbeit zu erleichtern und Zeit freizusetzen. Die tatsächliche Erfahrung vieler Menschen ist jedoch Verdichtung, Beschleunigung und Entfremdung. Teilzeit erscheint in dieser Logik nicht als Leistungsverweigerung, sondern als Selbstschutz und legitime Suche nach Autonomie.
Prechts Vision ist die einer Sinngesellschaft, in der Produktivitätsgewinne nicht in noch mehr Output, sondern in mehr freie Zeit übersetzt werden. Internationale Arbeitszeitvergleiche relativiert er mit dem Hinweis auf Mentalitätsunterschiede – analytisch nicht falsch, im Ton aber latent belehrend. Problematisch wird es dort, wo er betriebliche und sektorale Zwänge (Pflege, Mittelstand, Handwerk, Verwaltung) zu schnell ausblendet, um den normativen Überbau zu stabilisieren.
Im Verlauf der Diskussion differenziert Precht stärker, erkennt den Fachkräftemangel ausdrücklich an. Dennoch bleibt sein Fokus auf Mentalitätswandel und Sinnfragen – weniger auf den konkreten Mechanismen, die ein System heute tragfähig halten müssen.
Rente als Bruchlinie: Erfahrung gegen Systemdiagnose
Besonders deutlich wird der Gegensatz beim Thema Rente. Lanz argumentiert historisch und erfahrungsbasiert: Altersvorsorge war immer mit Unsicherheit verbunden. Härten gehörten zur Normalbiografie. Precht kontert mit dem Hinweis, dass es „heute systemisch schlimmer“ sei – ein Skalierungsreflex, der Lanz’ Punkt nicht widerlegt, sondern umlenkt.
Der eigentliche Kern liegt woanders: Die Ansprüche sind gestiegen, während die demografische Basis schrumpft. Genau diese Spannung macht Lanz sichtbar. Prechts Gegenargument – warum heute verzichten, wenn die Zukunft unsicher ist – beschreibt präzise ein Lebensgefühl, legitimiert aber zugleich eine Gegenwartsmaximierung, die kollektive Systeme untergräbt.
Hier prallen zwei Logiken aufeinander: Lanz denkt in Systemstabilität und Generationenverantwortung, Precht in biografischer Selbstbestimmung. Beides hat Berechtigung.
Problematisch wird es, wenn individuelle Rationalität zur stillschweigenden Legitimation kollektiver Überforderung wird.
Bullshitjobs: Diagnose ja, Systemkritik nein
In der Diskussion um sogenannte „Bullshitjobs“ gibt es zunächst überraschend viel Einigkeit. Beide erkennen den verbreiteten Sinnverlust in Teilen der Dienstleistungs- und Büroökonomie an. Motivation, Identifikation und gesellschaftliche Anerkennung sind reale Probleme.
Der Unterschied liegt in der Deutung. Precht gleitet von der Beobachtung schnell in eine grundsätzliche Kapitalismuskritik: Sinnlose Jobs seien nötig, um Konsum und Stabilität zu sichern, weil „echte“ Arbeit zu schlecht bezahlt werde. Das ist zugespitzt – und analytisch dünn.
Aus meiner Sicht greift hier eine einfache marktwirtschaftliche Logik: Arbeit entsteht dort, wo Nachfrage und Angebot zusammenkommen. Koordination, Verwaltung, Kommunikation sind keine parasitären Tätigkeiten, sondern notwendige Funktionen komplexer Gesellschaften.
Statt moralischer Systemkritik wären Fragen nach Produktivität, Qualifikation, Entlohnung und Arbeitsorganisation die sinnvolleren Stellschrauben.
Wohlstand neu denken – aber nicht wegdefinieren
Prechts stärkste Passagen liegen in seiner Wohlstandskritik. Er attackiert zu Recht den engen Fokus auf das BIP und plädiert für ein Verständnis von Wohlstand als gute Lebenszeit: Autonomie, Sinn, Zeitwohlstand. Gerade angesichts stagnierender Produktivität und wachsender Mittelschichtsängste trifft er einen Nerv.
Lanz hält dagegen – nicht normativ, sondern fiskalisch. Demografie, Finanzierung und Leistungsfähigkeit setzen Grenzen. Ein Umbau des Sozialstaats braucht reale Ressourcen, keine moralischen Abkürzungen. Prechts Vision inspiriert, bleibt aber oft vage, wenn es um Umsetzung und Übergänge geht.
Sein Mentalitätsargument ist dabei doppeldeutig: Es entlastet Teilzeitentscheidungen, suggeriert aber zugleich eine Komfortorientierung, die strukturelle Probleme individualisiert.
Was Kommunalpolitiker konkret tun können
Die Debatte um Arbeitszeit, Sinn und Leistungsbereitschaft bleibt folgenlos, wenn sie nicht in kommunale Praxis übersetzt wird. Gerade vor Ort entscheidet sich, ob abstrakte Thesen tragfähig sind oder an der Wirklichkeit scheitern. Aus der Folge lassen sich mehrere konkrete Handlungsaufträge ableiten:
Leistungsfähigkeit ehrlich definieren und kommunizieren
Kommunen müssen klar benennen, was sie leisten können – und was nicht mehr. Steigende Teilzeitquoten, Krankenstände und Fachkräftemangel sind systemische Rahmenbedingungen. Wer weiterhin Vollversorgung verspricht, organisiert Überlastung. Ehrliche Prioritätensetzung ist unpopulär, aber notwendig.
Arbeit leistbar machen statt Sinn zu beschwören
Sinn entsteht im Alltag. Kommunalpolitik kann gestalten: durch funktionierende Kinderbetreuung, kurze Wege, verlässliche Arbeitszeiten, gute Führung und klare Zuständigkeiten. Fachkräfte kommen dorthin, wo Arbeit und Leben zusammenpassen.
Teilzeit ernst nehmen – und die Folgen mitdenken
Teilzeit ist Ausdruck veränderter Lebensentwürfe. Gleichzeitig braucht kommunale Daseinsvorsorge Verlässlichkeit. Aufgabe der Politik ist es, diese Spannung offen zu adressieren – durch Organisation, Technik und Priorisierung, nicht durch Moralbegriffe.
Verwaltung stärken und erklären
Verwaltung ist Infrastruktur der Demokratie. Sie muss erklärt, wertgeschätzt und reformiert werden. Entbürokratisierung beginnt mit Verständnis für Abläufe – und mit dem Mut, sie zu verändern.
Generationenfragen offen moderieren
Demografie erzeugt Verteilungskonflikte. Kommunalpolitik ist der Ort, an dem diese Konflikte konkret, transparent und ohne moralische Überhöhung verhandelt werden müssen. Beteiligung und Austausch moderiert werden müssen – oft ganz konkret und persönlich.
Wohlstand lokal übersetzen
Wohlstand zeigt sich vor Ort nicht im BIP, sondern in funktionierenden Schulen, erreichbarer Pflege und verlässlicher Infrastruktur. Erwartungen müssen an Finanz- und Personallagen rückgekoppelt werden. Das ist keine Verzichtserzählung, sondern Voraussetzung für Vertrauen.
Verantwortung klar zuordnen
Weder „das System“ noch „die Menschen“ tragen Verantwortung allein. Kommunalpolitik muss Verantwortung konkretisieren – in Zuständigkeiten, Entscheidungen und nachvollziehbaren Kompromissen.
Mein Fazit
Die Stärke der kommunalen Ebene liegt darin, große gesellschaftliche Debatten in lösbare Aufgaben zu übersetzen.
Wer sich hinter Haltungen oder Visionen versteckt, entzieht sich Verantwortung. Wer hingegen ehrlich priorisiert, erklärt und entscheidet, stärkt Vertrauen – auch in schwierigen Zeiten.
Warum diese Reihe
Mit „Lanz & Precht – vor Ort“ übersetze ich die großen Debatten des Podcasts in konkrete kommunalpolitische Fragen.
Welche Thesen werden hier eigentlich verhandelt? Welches Politik- und Menschenbild steckt dahinter? Was bedeutet das ganz praktisch für Städte, Gemeinden und lokale Demokratie? Und wo sehe ich Zustimmung, Zweifel oder klaren Widerspruch?
„Lanz & Precht – vor Ort“ steht für Analyse, Einordnung und lokale Erdung. Es ist mein Blick auf den Podcast aus kommunalpolitischer Perspektive. Dieser Newsletter steht in keinem Zusammenhang mit dem Original-Podcast „Lanz & Precht“ und versteht sich ausdrücklich als unabhängige Kommentierung.
Fortsetzung folgt…