Energie, Macht – und Verantwortung
Spätestens seit der Eskalation im Nahen Osten und der Unsicherheit rund um die Straße von Hormus wirkt dieser Satz sehr konkret. Die Verwerfungen auf den Energie- und Rohstoffmärkten kommen direkt bei uns an – in Form steigender Preise an der Tankstelle und wachsender Unsicherheit für Unternehmen und Haushalte.
Lanz und Precht nutzen in Folge 238 (Vom Feuer und Atomen: Wer die Energie hat, der hat dir Macht) diese Lage für den großen Bogen: von der Geschichte der Energie bis zur Frage, warum gerade der Spritpreis das deutsche Gemüt so zuverlässig in Wallung bringt – und was das über unsere Energiepolitik erzählt.
Zwei Perspektiven auf Energiepolitik
Die Positionen im Podcast sind klar verteilt und sehr unterschiedlich.
Markus Lanz sieht im deutschen Atomausstieg einen der zentralen strategischen Fehler der vergangenen Jahrzehnte. Aus seiner Sicht hat Deutschland eine stabile, weitgehend CO₂-arme und grundlastfähige Energiequelle aufgegeben, ohne rechtzeitig gleichwertige Alternativen aufzubauen.
Die Folgen beschreibt er als Dreiklang: hohe Strompreise, Unsicherheit für Industrie und Mittelstand sowie ein Verlust an Standortattraktivität – verbunden mit wachsender Abhängigkeit von autokratischen Lieferstaaten.
Richard David Precht widerspricht deutlich. Für ihn ist die Kernenergie eine historisch falsch priorisierte, riskante und hochsubventionierte Technologie.
Seine zentrale These: Deutschland hätte bereits Ende der 1970er- und Anfang der 1980er-Jahre konsequent auf erneuerbare Energien, Speicher und Effizienz setzen müssen. In dieser Lesart wäre die Energiewende heute weitgehend vollzogen – und Deutschland globaler Vorreiter.
Lingen: Energiepolitik in der Praxis
Lingen ist seit vielen Jahrzehnten Energiestandort und seit den 1960er Jahren Atomstandort – und damit ein Ort, an dem Energiepolitik nicht abstrakt diskutiert, sondern praktisch erlebt wird.
Lingen ist ein Musterbeispiel für pragmatische Technikakzeptanz und regionale Resilienz. Die Lingener leben seit Jahrzehnten mit den Kernkraftwerken Lingen und der Brennelementefabrik – mit bemerkenswert wenigen Protesten, die eher rational als ideologisch geprägt waren.
Ein prägnantes Beispiel ist die Episode des verstrahlten Molkepulvers nach Tschernobyl: In den späten 1980er-Jahren wurde stark belastetes Molkepulver nach Lingen gebracht, im stillgelegten Kernkraftwerk dekontaminiert und anschließend weiterverarbeitet. Es gab Proteste und Diskussionen – aber keine dauerhafte Eskalation. Die Stadt hat ein bundesweites Problem übernommen und gelöst.
Die Energiepolitik befindet sich heute im Wandel: Produktion und Verbrauch von Energie rücken immer näher zusammen, wodurch neue Herausforderungen und Chancen entstehen. Besonders für einen Standort wie Lingen wird es entscheidend, wie Infrastruktur, Versorgungssicherheit und Innovationskraft intelligent miteinander verbunden werden können. Die Frage, wie diese Aspekte pragmatisch und vorausschauend gestaltet werden, steht im Mittelpunkt aktueller kommunaler Debatten und bildet die Grundlage für zukunftsfähige Entscheidungen vor Ort.
Vor diesem Hintergrund frage ich mich als Kommunalpolitiker, welche konkreten Handlungsspielräume sich für Lingen ergeben.
Die kontroversen Standpunkte von Lanz und Precht liefern wertvolle Impulse, die dabei helfen können, die lokale Energiepolitik nicht nur theoretisch zu diskutieren, sondern ganz praktisch anzugehen – mit Blick auf Versorgungssicherheit, technische Innovation und nachhaltige Entwicklung.
Die Antwort fällt vor unserem stadtgesellschaftlichen Erfahrungshorizont nach meiner Einschätzung deutlich anders aus als für andere Kommunen.
Nach meiner festen Überzeugung ist Lingen bereit, energiepolitische Zukunftsthemen – von erneuerbarer und dezentraler Stromerzeugung über Wasserstoff und Energietrassen bis hin zu KI-Rechenzentren, strategischer Neuaufstellung der Stadtwerke oder sogar einer potenziellen Endlager-Ansiedlung – nüchtern und lösungsorientiert zu debattieren, immer mit Blick auf technische Sicherheit, Jobs, Wohlstand und Machbarkeit – im Spannungsfeld von Eigen- und Sozialverantwortung.
Stabilität und Wandel zusammen denken
Kommunal gedacht heißt das: Wichtiger als ideologische Grabenkämpfe ist, Energiepolitik der Zukunft ganzheitlich und konkret vor Ort zu gestalten. Energiepolitik ist kein Entweder-Oder.
Es geht nicht um die Entscheidung zwischen Kernenergie und Erneuerbaren, sondern um die Frage, wie Versorgungssicherheit, wirtschaftliche Stärke und Klimaziele gleichzeitig erreicht werden können.
Für einen Standort wie Lingen bedeutet das: bestehende Kompetenzen sichern und gleichzeitig den Ausbau von Erneuerbaren, Netzen und Speichern konsequent vorantreiben. Oder zugespitzt:
Energiepolitik entscheidet sich nicht in Talkshows, sondern in Städten wie Lingen.
Mein Fazit
Der Podcast von Lanz und Precht zeigt zwei sehr unterschiedliche Arten, auf Energiepolitik zu blicken:
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die eine stärker theoretisch und rückblickend,
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die andere stärker an realen Entwicklungen orientiert.
Aus kommunaler Perspektive überzeugt mich die zweite mehr. Nicht, weil sie einfacher wäre – sondern weil sie näher an der Verantwortung ist, die vor Ort getragen werden muss.
Abschließend möchte ich betonen, dass ich meine Ideen zu diesen Themen gern im persönlichen Austausch mit Euch weiter vertiefe. Gemeinsam können wir konkrete Ansätze für Lingen diskutieren und neue Perspektiven entwickeln.
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Warum diese Reihe
Mit „Lanz & Precht – vor Ort“ übersetze ich die großen Debatten des Podcasts in konkrete kommunalpolitische Fragen.
Welche Thesen werden hier eigentlich verhandelt? Welches Politik- und Menschenbild steckt dahinter? Was bedeutet das ganz praktisch für Städte, Gemeinden und lokale Demokratie? Und wo sehe ich Zustimmung, Zweifel oder klaren Widerspruch?
„Lanz & Precht – vor Ort“ steht für Analyse, Einordnung und lokale Erdung. Es ist mein Blick auf den Podcast aus kommunalpolitischer Perspektive. Dieser Newsletter steht in keinem Zusammenhang mit dem Original-Podcast „Lanz & Precht“ und versteht sich ausdrücklich als unabhängige Kommentierung.
Fortsetzung folgt