In Folge #267 von „Lanz + Precht“ mit dem Titel „Verlernen wir das Denken?“ geht es um weit mehr als um Chancen und Risiken künstlicher Intelligenz. Markus Lanz und Richard David Precht fragen, was menschliches Denken überhaupt ausmacht, wie Verstehen entsteht und was verloren gehen könnte, wenn wir geistige Leistungen an Maschinen auslagern. Damit berühren sie eine Debatte, die technisch beginnt, aber rasch bei Bildung, Selbstverständnis und gesellschaftlicher Verantwortung ankommt. Gerade deshalb lohnt sich der Blick aus kommunalpolitischer Perspektive: Denn ob wir KI als Werkzeug der Mündigkeit oder als bequemen Ersatz für eigenes Urteilen einsetzen, entscheidet sich nicht abstrakt, sondern in Familien, Schulen, Verwaltungen, Vereinen, Unternehmen und politischen Debatten vor Ort.

Zwischen Faszination und Kontrollverlust

Zu Beginn markieren beide Gesprächspartner eine gemeinsame Ausgangslage: KI ist zugleich faszinierend und verstörend. Lanz betont den laienhaften Zugang als Stärke. Milliarden Menschen müssten sich mit einer Technologie auseinandersetzen, deren gesellschaftliche Folgen nicht allein von Informatikern beurteilt werden könnten. Precht stimmt ihm darin zu und zieht den Vergleich zur Atomkraft: Technisches Fachwissen sei wichtig, beantworte aber nicht die Frage, welche Risiken eine Gesellschaft akzeptieren und welche Abhängigkeiten sie zulassen wolle. Einigkeit besteht damit zunächst darin, dass die Debatte über KI keine Spezialdisziplin bleiben darf, sondern eine öffentliche Auseinandersetzung über Verantwortung verlangt.

Im weiteren Verlauf setzt Lanz stärker bei den Möglichkeiten und beim richtigen Gebrauch der Technik an. Er beschreibt das menschliche Gehirn als kaum verstandenes Wunderwerk, führt Studien zum kognitiven Offloading an und fragt, unter welchen Bedingungen KI den Lernerfolg steigern kann. Seine zentrale Linie lautet: Erst selbst denken, dann die Maschine als Sparringspartner nutzen. So verstanden kann KI Denkfehler sichtbar machen, schwierige Aufgaben erschließen und die eigene Arbeit verbessern. Lanz warnt vor Bequemlichkeit, bleibt aber grundsätzlich offen für einen produktiven Einsatz – sofern der Mensch die Initiative behält und Ergebnisse kritisch prüft.

Precht argumentiert skeptischer und kulturkritischer. Für ihn liegt die Gefahr weniger in einer spektakulären Machtübernahme der Maschinen als in einem schleichenden Verlust menschlicher Fähigkeiten. Am Beispiel seines Vaters beschreibt er Denken als langen Reifungsprozess aus Erleben, Nachdenken, Lesen und Verstehen. Fertige Antworten könnten diese Kette verkürzen und damit nicht nur Wissen, sondern Urteilskraft, innere Bilder und kulturellen Reichtum schwächen. Seine Sorge richtet sich auf eine Gesellschaft, die Erklärungen konsumiert, ohne Zusammenhänge selbst zu durchdringen. KI beschleunige damit eine Entwicklung, die bereits durch digitale Dauerreize und die Orientierung am schnellen Ergebnis begonnen habe.

Die Differenz zwischen beiden Positionen ist also keine einfache Gegenüberstellung von Technikbegeisterung und Technikfeindlichkeit. Lanz sucht nach Regeln für einen klugen Gebrauch; Precht fragt grundsätzlicher, welche Form des Menschseins durch diesen Gebrauch verändert wird. Lanz vertraut stärker darauf, dass sich Kompetenzen durch bewusste Praxis bewahren lassen. Precht bezweifelt, dass diese Selbstdisziplin gegen Bequemlichkeit, ökonomischen Druck und den Sog immer leistungsfähigerer Systeme dauerhaft bestehen kann. Gemeinsam ist ihnen jedoch die Warnung vor einer Auslagerung der Rationalität: Wer Ergebnisse übernimmt, ohne ihren Weg nachvollziehen zu können, gewinnt Geschwindigkeit, verliert aber möglicherweise Urteilskraft.

Denken ist mehr als eine Trefferquote

Hier beginnt meine eigene Einordnung. Die von Lanz genannten Beispiele – etwa die nachlassende Aufmerksamkeit bei einer KI-gestützten Darmkrebserkennung oder das schwindende Orientierungswissen durch Navigationssysteme – zeigen überzeugend, dass Fähigkeiten verkümmern können, wenn sie nicht mehr geübt werden. Sie beantworten aber noch nicht, was Denken im anspruchsvollen Sinne ist. Eine diagnostische Trefferquote misst eine Leistung; sie erfasst nicht automatisch jene Fähigkeit, Erfahrungen zu deuten, Maßstäbe abzuwägen und aus widersprüchlichen Informationen ein begründetes Urteil zu entwickeln.

„Denken beginnt dort, wo ein richtiges Ergebnis allein noch keine gute Entscheidung ergibt.“

Als gemäßigter Konstruktivist gehe ich davon aus, dass es eine physische Welt gibt, wir sie aber nur durch individuelle Wahrnehmung, Sprache und Erfahrung erschließen können. Wirklichkeit ist deshalb weder bloß beliebig noch für alle Menschen identisch. Gerade weil wir unsere Sicht auf die Welt konstruieren, müssen wir sie mit anderen Perspektiven konfrontieren. KI verändert daran nicht das Grundprinzip. Auch ihre Antwort ist ein Angebot, das eingeordnet, geprüft und mit eigenen Werten verbunden werden muss. Wer diese Prüfung unterlässt, gibt nicht das Denken an eine Maschine ab, sondern verzichtet auf die Verantwortung für das eigene Urteil.

Deshalb greift mir auch die Vorstellung zu kurz, KI liefere künftig für alle dieselben fertigen inneren Bilder. Selbst eine dargestellte Hexe, ein politischer Begriff oder eine statistische Aussage wird von Menschen unterschiedlich wahrgenommen und in verschiedene Erfahrungshorizonte eingeordnet.

„Nicht die KI entmündigt den Menschen; entmündigend wird erst der Anspruch, ihre Antwort könne das eigene Urteil ersetzen.“

Entscheidend ist dabei nicht, ob eine Maschine Inhalte vorstrukturiert, sondern ob Menschen noch bereit und fähig sind, diese Deutung bewusst zu vollziehen.

Bildung muss Urteilskraft organisieren

Daraus folgt eine Bildungsaufgabe, die über klassische Medienkompetenz hinausgeht. Kinder und Jugendliche müssen lernen, wie KI-Systeme zu Antworten kommen, wo ihre Grenzen liegen und wie Quellen, Annahmen und Interessen geprüft werden. Zugleich brauchen sie Räume, in denen sie ohne technische Abkürzung lesen, schreiben, rechnen, diskutieren und scheitern können. Prechts Forderung nach geschützten analogen Lernzonen ist deshalb richtig, wenn sie nicht als Rückzug aus der digitalen Welt missverstanden wird. Grundfähigkeiten und technischer Fortschritt sind keine Gegensätze; sie bedingen einander.

„Wer KI souverän nutzen soll, muss zunächst genügend eigenes Wissen und sprachliche Sicherheit besitzen, um ihr widersprechen zu können.“

Gleichzeitig darf Bildung nicht bei Bedienregeln stehen bleiben. Jeder Mensch sollte sich mindestens einmal ernsthaft mit seinem Verständnis von Wirklichkeit und Wahrheit, mit seinem Menschenbild und seinen grundlegenden Werturteilen befassen. Das ist keine philosophische Luxusübung, sondern die Voraussetzung dafür, technische Antworten politisch und moralisch einordnen zu können. Wer seine eigenen Maßstäbe nicht kennt, kann auch die Vorschläge einer KI nicht verantwortlich bewerten.

Kommunalpolitik braucht erkennbare Maßstäbe

Für die Kommunalpolitik ist diese Frage besonders konkret. Stadträte und Verwaltungen treffen Entscheidungen über Schulen, digitale Infrastruktur, Bürgerdienste, Datenschutz, Personal und den Einsatz öffentlicher Mittel. KI kann dabei Abläufe beschleunigen, Informationen zugänglicher machen und Beschäftigte von Routinen entlasten. Wirtschaftlich vernünftig wäre es deshalb nicht, die Technologie aus Sorge vor Veränderung fernzuhalten. Ebenso unvernünftig wäre es jedoch, Effizienz mit guter Politik gleichzusetzen. Eine Verwaltung ist kein Antwortautomat; sie muss Entscheidungen erklären, Zuständigkeiten benennen und Widerspruch ermöglichen.

Kommunalpolitikerinnen und Kommunalpolitiker müssen deshalb ihr Verständnis von Wirklichkeit, Wahrheit und Verantwortung transparent machen. Wählerinnen und Wähler sollen erkennen können, von welchem Menschenbild eine Entscheidung ausgeht und welche Interessen gegeneinander abgewogen wurden. Dabei geht es nicht darum, politische Weltbilder nach ihrer Einfachheit oder Komplexität zu sortieren. Es geht darum, ob die vertretenen Maßstäbe nachvollziehbar sind und zur eigenen Wahrnehmung passen.

„Demokratische Transparenz beginnt nicht bei den Daten, sondern bei den Werturteilen hinter ihrer politischen Deutung.“

Das verlangt auch eine klare lokale KI-Politik. Schulen brauchen pädagogische Konzepte statt bloßer Verbote oder unkritischer Freigaben. Verwaltungen benötigen nachvollziehbare Standards, Fortbildungen und eindeutige Verantwortlichkeiten. Vereine, Volkshochschulen und Bibliotheken können Orte sein, an denen Bürgerinnen und Bürger den Umgang mit neuen Werkzeugen praktisch erproben und gemeinsam reflektieren. Gute Rahmenbedingungen verbinden dabei Eigeninitiative mit Schutz: Sie trauen Menschen etwas zu, lassen sie mit den Folgen technischer Entscheidungen aber nicht allein.

Gerade vor Ort zeigt sich damit, ob Digitalisierung Vertrauen stärkt oder Distanz vergrößert. Werden Entscheidungen nur schneller, aber weniger verständlich, ist wenig gewonnen.

„Der Fortschritt einer Kommune misst sich nicht daran, wie viel Denken sie automatisiert, sondern wie viel bessere Entscheidung sie dadurch ermöglicht.“

Werden Routinen automatisiert und zugleich Zeit für Beratung, Bildung und persönliche Begegnung geschaffen, kann KI menschliche Arbeit sinnvoll ergänzen.

Denken heißt, Verantwortung zu behalten

Die Frage „Verlernen wir das Denken?“ lässt sich deshalb nicht mit Ja oder Nein beantworten. Fähigkeiten, die wir nicht nutzen, können schwächer werden. Gleichzeitig eröffnet KI neue Möglichkeiten, Zusammenhänge zu erschließen, Gegenargumente zu prüfen und Wissen produktiv einzusetzen. Entscheidend ist, wer den Zweck bestimmt, wer Verantwortung übernimmt und ob der Weg zum Ergebnis nachvollziehbar bleibt. Weder Kulturpessimismus noch Technikgläubigkeit reichen dafür aus.

Eine bürgerliche, zukunftsorientierte Politik sollte den Menschen deshalb weder vor jeder Zumutung bewahren noch ihn der Dynamik der Technik überlassen. Sie sollte eigene Urteilskraft fördern, Innovation ermöglichen und klare Regeln dort setzen, wo Abhängigkeit, Intransparenz oder Machtkonzentration drohen.

„Wer Verantwortung delegiert, verliert nicht nur Kontrolle – er verzichtet auf Politik.“

Das ist anspruchsvoller als ein Verbot und ehrlicher als das Versprechen, Technik werde gesellschaftliche Probleme von selbst lösen.
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Warum diese Reihe

Mit „Lanz + Precht – vor Ort“ übersetze ich die großen Debatten des Podcasts in konkrete kommunalpolitische Fragen. Welche Thesen werden hier eigentlich verhandelt? Welches Politik- und Menschenbild steckt dahinter? Was bedeutet das ganz praktisch für Städte, Gemeinden und lokale Demokratie? Und wo sehe ich Zustimmung, Zweifel oder klaren Widerspruch? „Lanz + Precht – vor Ort“ steht für Analyse, Einordnung und lokale Erdung. Es ist mein Blick auf den Podcast aus kommunalpolitischer Perspektive. Dieser Newsletter steht in keinem Zusammenhang mit dem Original-Podcast „Lanz + Precht“ und versteht sich ausdrücklich als unabhängige Kommentierung.

Fortsetzung folgt

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