In Folge #256 von „Lanz & Precht“ sprechen Markus Lanz, Richard David Precht und Juli Zeh über den Zustand der liberalen Demokratie: über Handlungsfähigkeit, AfD, gesellschaftliche Kränkung, Verantwortung und die Frage, ob unser politisches System noch zu den Erwartungen einer hochindividualisierten Gesellschaft passt. Aus Zehs zugespitzter Diagnose „alles scheiße“ wird mehr als ein Stimmungsbild. Im Kern steht die These: Demokratie leidet nicht nur an politischen Fehlern, sondern am wachsenden Abstand zwischen gesellschaftlichen Erwartungen, ökonomischen Machtverschiebungen und politischer Gestaltungskraft.

Ein Stimmungsbild, keine Untergangsdiagnose

Der Einstieg ist hart gesetzt. Juli Zeh hatte in einer früheren Sendung auf die Frage nach der Stimmung im Land mit zwei Worten geantwortet: „Alles scheiße.“ In der aktuellen Folge erklärt sie diesen Satz nicht als nüchterne Beschreibung Deutschlands, sondern als Ausdruck einer gesellschaftlichen Wahrnehmung. Es geht nicht darum, das Land für verloren zu erklären. Es geht um das Gefühl vieler Menschen, dass politische Entscheidungsträger zu wenig geregelt bekommen und die Probleme schneller wachsen als die Fähigkeit, sie zu lösen.

Markus Lanz verteidigt diese Zuspitzung gegen den Vorwurf bloßer Schwarzseherei. Für ihn steckt darin nicht Verachtung, sondern ein fast liebevoller Arschtritt. Die Botschaft lautet nicht: Es ist aus. Sie lautet: So kann es nicht weitergehen. Damit fragt Lanz nach dem politischen Resonanzraum dieser Stimmung: Warum erleben Menschen Krise, obwohl Alltag, Konsum, Urlaub und Normalität weiter funktionieren?

Zeh hält dagegen, dass der Verweis auf schlimmere Zustände anderswo dieses Gefühl nicht erledigt. Wer auf Gaza, Libanon oder Sudan verweist, um Unzufriedenheit in Deutschland zu relativieren, verwechselt objektives Elend mit politischer Stimmung. Und politische Stimmung ist in einer Demokratie nicht nebensächlich. Sie prägt Vertrauen, Wahlverhalten und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.

Richard David Precht verschiebt die Debatte auf eine größere Ebene. Für ihn ist die Krise nicht nur eine Frage schlechter Kommunikation oder einzelner Regierungen. Er sieht eine tiefere Systemkrise. Seine These lautet: Die liberale Demokratie ist historisch mit einer bestimmten Wirtschaftsordnung entstanden. Wenn sich diese Ordnung durch Datenökonomie, Plattformmacht und technologische Konzentration verändert, gerät auch die Demokratie unter Druck. Eine Wirtschaft, die vor allem Konsumenten und Datenlieferanten braucht, passt immer weniger zu einem politischen System, das mündige Bürgerinnen und Bürger voraussetzt.

Damit stehen drei Perspektiven nebeneinander. Lanz fragt nach Vertrauensverlust. Zeh analysiert Mentalitäten, Verantwortung und Dysfunktion. Precht rückt die ökonomische Grundstruktur in den Mittelpunkt. Für meine kommunalpolitische Einordnung ist diese Spannung entscheidend: Große Systemfragen werden dort politisch greifbar, wo Menschen Demokratie im Alltag erleben – im Rathaus, im Stadtrat, in der Schule, im Verein, im Gespräch vor Ort.

Von Parteienverdrossenheit zu Systemzweifeln

Stark ist die Folge dort, wo sie politische Entfremdung beschreibt. Aus Politikverdrossenheit sei Parteienverdrossenheit geworden, daraus Politikerverdrossenheit und inzwischen Demokratie- oder Systemverdrossenheit. Diese Diagnose teile ich grundsätzlich, aber nicht ohne Einschränkung.

Ja, es gibt Vertrauensverlust. Viele Menschen erleben Politik als langsam, widersprüchlich, ausweichend und praktisch überfordert. Sie sehen große Probleme und kleine Kompromisse. Daraus wächst der Eindruck, Institutionen seien den Herausforderungen nicht mehr gewachsen. Dieses Gefühl ist real, selbst wenn es nicht immer gerecht ist.

Gleichzeitig wäre es falsch, daraus vollständige demokratische Erschöpfung abzuleiten. Systemkritische Parteien haben in Deutschland keine absolute Mehrheit. Es gibt weiterhin Engagement in Parteien, Bürgerinitiativen, Vereinen, Kirchen, Verbänden und Hilfsorganisationen. Besonders kommunal tragen Menschen Verantwortung – oft ehrenamtlich, leise und ohne große Bühne.

„Die Demokratie ist nicht deshalb am Ende, weil viele an ihr zweifeln. Sie wäre erst dann am Ende, wenn niemand mehr bereit wäre, sie praktisch zu tragen.“

Hier liegt die erste kommunalpolitische Korrektur am großen Krisendiskurs. Vor Ort ist Demokratie selten pathetisch, aber häufig belastbar. Sie zeigt sich in Haushaltsberatungen, Feuerwehrbedarfsplänen, Schulfragen, Bürgergesprächen, Sportvereinen, Elterninitiativen und Nachbarschaftsprojekten. Das ist nicht glamourös. Aber es ist demokratische Wirklichkeit.

Individualisierung trifft Verwaltung

Ein zweiter Gedanke betrifft die Individualisierung. Zeh beschreibt, dass viele Menschen sich nicht mehr selbstverständlich in politische Lager, Milieus oder Weltanschauungen einordnen. Parteien funktionieren aber noch stark über diese Logik. Sozialdemokratie, Christdemokratie, Liberalismus oder Konservatismus waren lange nicht nur Programme, sondern politische Heimaten. Man gehörte dazu, auch wenn man nicht jeden Punkt teilte.

Dieses Verhältnis ist brüchig geworden. Menschen sind es gewohnt, individuell auszuwählen, zu bewerten, zu kombinieren und abzulehnen. Sie erwarten auch von Politik passgenaue Angebote. Demokratie verlangt jedoch die Fähigkeit, Unvollkommenheit auszuhalten. Man wählt nie die Partei, die hundert Prozent der eigenen Wünsche erfüllt. Man entscheidet sich für Richtungen, Prioritäten und Kompromisse.

Zeh verbindet das mit einer neuen Einzelfallgerechtigkeit. Gerecht erscheint vielen nicht mehr das, was im Großen und Ganzen fair ist, sondern das, was der eigenen Lage möglichst exakt entspricht. Daraus entsteht Druck auf Verwaltung, Gesetzgebung und politische Kommunikation. Jede Ausnahme soll geregelt, jede Härte abgefedert, jeder Sonderfall berücksichtigt werden. Am Ende wächst ein Bürokratiedschungel, der aus einem berechtigten Gerechtigkeitsimpuls entsteht und politische Beweglichkeit schwächt.

Kommunen erleben das täglich. Eine Familie braucht dringend einen Kita-Platz. Ein Betrieb wartet auf eine Genehmigung. Eine Straße soll verkehrsberuhigt, eine andere besser angebunden werden. Die einen wollen mehr Parkplätze, die anderen mehr Radwege. Überall gibt es gute Gründe. Doch kommunale Politik darf nicht nur Summe individueller Anliegen sein. Sie muss entscheiden, abwägen und erklären.

„Wer für jeden Einzelfall vollständige Gerechtigkeit verspricht, produziert am Ende ein System, das für fast niemanden mehr verständlich ist.“

Freiheit braucht übertragene Verantwortung

Besonders überzeugend ist die Folge, wenn Juli Zeh Verantwortung ins Zentrum rückt. Freiheit ohne Verantwortung gibt es nicht. Wer entscheiden will, muss bereit sein, Folgen zu tragen. Wer jedes Risiko absichern, jeden Fehler vermeiden und jede Kritik verhindern will, verliert am Ende die Fähigkeit zum Handeln.

Diesen Gedanken teile ich ausdrücklich. Politik ist Handeln unter Unsicherheit. Es gibt keine Schulentwicklungsplanung ohne Risiko, keine Flächenentscheidung ohne Nebenfolgen, keine Haushaltspriorität ohne Verzicht und keine Verkehrspolitik ohne Konflikte. Wer nur entscheidet, wenn alles garantiert gut ausgeht, entscheidet nie.

Ich würde Zehs Diagnose aber erweitern. Es fehlt nicht nur an Menschen, die Verantwortung übernehmen. Es fehlt auch an Menschen, die Verantwortung übertragen. Eine hochindividualisierte Gesellschaft möchte klare Entscheidungen, aber möglichst ohne Zumutung für sich selbst. Sie fordert Führung und misstraut ihr zugleich. Sie verlangt Veränderung, solange sie den eigenen Alltag nicht berührt.

„Verantwortung scheitert nicht nur an denen, die sie nicht übernehmen. Sie scheitert auch an denen, die sie niemandem mehr zugestehen.“

Wer kommunalpolitisch Verantwortung trägt, kennt diese Spannung. Man soll priorisieren, aber niemanden enttäuschen. Man soll gestalten, aber keine Gewohnheiten verändern. Man soll Bürgernähe zeigen und zugleich gegen Widerstand entscheiden. Genau dort zeigt sich demokratische Reife: nicht im Wunsch nach konfliktfreier Politik, sondern in der Bereitschaft, begründete Entscheidungen auszuhalten.

Fehlerkultur ist demokratische Infrastruktur

Damit verbunden ist die Frage nach der Fehlerkultur. Zeh beschreibt eine Gesellschaft, die sich absichert, normiert, modelliert und vorausberechnet. Fehler gelten nicht mehr als unvermeidbarer Teil von Verantwortung, sondern schnell als Beweis moralischen oder fachlichen Versagens. Dadurch wird Politik defensiv.

In einer schlechten Fehlerkultur wird Politik nicht mutiger, sondern vorsichtiger. Sie produziert keine besseren Entscheidungen, sondern besser abgesicherte Formulierungen. Wer vor allem damit beschäftigt ist, nicht angreifbar zu sein, verliert Gestaltungskraft.

Hier widerspreche ich einem Reflex, der auch in der Folge anklingt. Wenn Lanz sagt, Politiker müssten mediale Härte eben aushalten, klingt das kernig. Aber eine Mediendemokratie, die jede unglückliche Formulierung skandalisiert, jede Abweichung personalisiert und jede Unsicherheit als Schwäche deutet, darf sich nicht wundern, wenn Politik glatt, leer und mutlos wird.

„Wer jede politische Zumutung sofort zur Empörung formatiert, bekommt am Ende eine Politik, die vor allem Zumutungen vermeidet.“

Das gilt auch vor Ort. Kritik gehört zur Demokratie. Aber wenn jede kontroverse Entscheidung zur Charakteranklage wird, ziehen sich Menschen aus Ratsarbeit, Ehrenamt und öffentlicher Verantwortung zurück. Dann verlieren Städte und Gemeinden genau jene Personen, die Demokratie praktisch tragen.

Reformideen statt Demokratie-Nostalgie

Die Folge streift mehrere Reformideen, leider ohne sie ausführlich zu Ende zu diskutieren. Zeh nennt längere Amts- oder Legislaturperioden bei gleichzeitiger Einschränkung von Wiederwahlmöglichkeiten. Der Gedanke dahinter ist nachvollziehbar: Wer nicht ständig auf die nächste Wahl schielt, könnte langfristiger entscheiden.

Auch die Idee, Bürgerinnen und Bürgern einen Teil ihres Steueraufkommens sachbezogen zuordnen zu lassen, ist reizvoll und riskant. Sie würde Beteiligung konkreter machen, aber das Verhältnis von Gemeinwohl, Leistungsfähigkeit und Gleichheit neu sortieren.

Drittens steht die Frage im Raum, ob politische Verantwortung mehr berufliche Erfahrung voraussetzen sollte. Parlamente bilden sozial und beruflich oft nicht mehr die Breite der Gesellschaft ab. Dadurch fehlt Erfahrungswissen aus Handwerk, Pflege, Verwaltung, Selbstständigkeit, Industrie oder sozialer Arbeit.

Diese Vorschläge sind nicht alle sofort überzeugend. Aber sie stellen die richtige Frage: Wie wird Demokratie handlungsfähiger, ohne autoritärer zu werden? Genau hier liegt der Unterschied zwischen demokratischer Erneuerung und rechter Rückwärtssehnsucht. Rechte Antworten versprechen Klarheit durch Vereinfachung, Führung durch Härte und Gemeinschaft durch Ausgrenzung. Das ist kein Zukunftsmodell.

Kommunalpolitisch heißt das: Wir brauchen bessere demokratische Verfahren, nicht weniger Demokratie. Beteiligung muss früher beginnen, verständlicher werden und ehrlich benennen, worüber wirklich entschieden werden kann. Wer Bürgerbeteiligung nur als Beruhigungsformat nutzt, beschädigt Vertrauen. Wer sie mit Verantwortung verbindet, stärkt Demokratie.

Die soziale Frage hinter dem Kulturkampf

Besonders interessant wird die Folge dort, wo Juli Zeh die soziale Frage hinter dem Kulturkampf sichtbar macht. Klassische Aufstiegsversprechen sind nicht nur für sogenannte biodeutsche Milieus brüchig geworden. Auch viele migrantische Milieus setzen stark auf Bildung, Leistung und Aufstieg. Die materiellen Interessen überschneiden sich häufiger, als der öffentliche Diskurs vermuten lässt.

Die Familie mit Migrationsgeschichte, die alles für die Bildung ihrer Kinder tut, und die Handwerkerfamilie ohne akademischen Hintergrund, die dasselbe will, stehen nicht automatisch gegeneinander. Sie werden aber politisch und medial oft gegeneinander sortiert. Wenn soziale Fragen kulturell aufgeladen werden, wird aus gemeinsamer Interessenlage gegenseitiges Misstrauen.

„Der Kulturkampf ist oft die teuerste Umleitung um die soziale Frage herum.“

Vor Ort entscheidet sich, ob Menschen einander als Konkurrenten oder Nachbarn erleben. In Schule, Sportverein, Quartier, Betrieb und Ehrenamt entsteht Zusammenhalt konkret. Wer Integration, soziale Gerechtigkeit und demokratische Stabilität zusammendenken will, muss dort ansetzen: bei guten Schulen, bezahlbarem Wohnen, funktionierender Infrastruktur, erreichbaren Verwaltungen und Orten, an denen Menschen sich begegnen.

AfD, Resilienz und Normalisierung

Die Folge widmet der AfD, Parteiverboten, Brandmauern und politischer Polarisierung viel Raum. Zeh verweist auf die Resilienz, die das Bundesverfassungsgericht dem Grundgesetz zutraut. Nicht jede verfassungsfeindliche Haltung einzelner Akteure führt automatisch zu einem Parteienverbot. Eine Demokratie muss auch starke Spannungen aushalten, solange rechtsstaatliche Schwellen nicht überschritten sind.

Ich merke, dass sich meine Haltung dazu verändert hat. Lange hätte ich eher gesagt: Ein System kann es sich nicht leisten, Kräfte dauerhaft in sich arbeiten zu lassen, die es selbst ablehnen. Inzwischen kann ich mir stärker vorstellen, dass demokratische Resilienz gerade darin besteht, diese Spannung auszuhalten. Eine einfache Antwort habe ich trotzdem nicht.

Denn der richtige Appell, aus dem Kulturkampf herauszukommen, darf nicht zur Normalisierung völkischer Positionen führen. Man muss mit Wählerinnen und Wählern sprechen, ohne die Ideologie ihrer Partei zu verharmlosen. Man muss rechtsstaatliche Gelassenheit bewahren, ohne politische Gefahr kleinzureden.

„Demokratische Gelassenheit darf nicht zur politischen Schlafmützigkeit werden.“

Für diesen Beitrag ist die AfD deshalb nicht das eigentliche Thema, sondern ein Symptom. Der Kern bleibt Vertrauen. Wenn Menschen Demokratie als fremdes, abweisendes System erleben, wächst Protestbereitschaft. Wenn sie vor Ort Wirksamkeit erfahren, entsteht ein anderer Zugang zu Politik.

Kränkung als politischer Treibstoff

Eine der spannendsten Passagen betrifft die Erklärung irrationaler Wahlentscheidungen. Zeh deutet an, dass rechtspopulistischer Erfolg auch mit narzisstischen Kränkungen bestimmter Gruppen zu tun haben könnte. Besonders junge Männer, deren ökonomische Rolle unsicherer geworden ist und deren kulturelle Selbstbilder zugleich problematisiert wurden, könnten Politik weniger als Interessenvertretung denn als Racheform erleben.

Dieser Gedanke ist unangenehm, aber hilfreich. Menschen wählen nicht nur Programme. Sie wählen Ausdruck, Protest und symbolische Zurückweisung eines Systems, von dem sie sich selbst zurückgewiesen fühlen. Das entschuldigt nichts. Aber wer Irrationalität nur moralisch verurteilt, versteht ihre Ursache nicht.

„Politische Wut verschwindet nicht, wenn man sie für dumm erklärt. Sie verschwindet erst, wenn sie ihre soziale Funktion verliert.“

Kommunalpolitik kann globale Kränkungsursachen nicht lösen. Aber sie kann Räume schaffen, in denen Menschen gebraucht werden: im Ehrenamt, in Jugendprojekten, in Vereinen, bei Feuerwehr, Kultur, Sport, Nachbarschaftshilfe und lokalen Beteiligungsformaten. Wer erlebt, dass er wirksam ist, ist weniger anfällig für Politik als Abrechnung.

Große Begriffe müssen runter auf die Straße

Bei aller Qualität hat die Folge auch etwas Abgehobenes. Lanz, Precht und Zeh sprechen über Liberalismus, Datenökonomie, Parteienstaat, Verfassungsrecht, Männlichkeitsbilder und Systementwicklung. Das ist intellektuell anregend. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie dieser Diskurs für den politischen Alltag übersetzt werden kann.

Genau darin liegt für mich die Aufgabe dieser Reihe. Wenn Precht fragt, ob das Gesellschaftssystem dem Wirtschaftssystem folgt, stellt sich kommunalpolitisch die Frage: Wie abhängig sind Städte und Gemeinden von ökonomischen Strukturen, die sie kaum beeinflussen können? Wenn Datenmacht politische Räume beschneidet, geht es um digitale Souveränität von Kommunen, Plattformabhängigkeiten, Datenschutz, Verwaltungssoftware und lokale Öffentlichkeit. Wenn Individualisierung Bürokratie antreibt, stellt sich im Rathaus die praktische Frage, wie viel Einzelfallgerechtigkeit Verwaltung leisten kann, ohne handlungsunfähig zu werden.

Kommunalpolitik als Ort demokratischer Erneuerung

Was folgt daraus für Kommunalpolitik? Die Krise der Demokratie wird nicht allein vor Ort gelöst. Aber sie wird dort entweder verschärft oder gedämpft. Kommunen sind die Ebene, auf der Menschen Demokratie am unmittelbarsten erleben. Hier zeigt sich, ob Politik zuhört, erklärt, entscheidet und Verantwortung übernimmt.

Demokratie braucht neue Handlungsfähigkeit. Nicht autoritärer, sondern verständlicher, ehrlicher und mutiger. Kommunalpolitik muss erklären, warum nicht alle Wünsche gleichzeitig erfüllt werden können. Sie muss Prioritäten setzen und begründen. Sie muss Beteiligung ermöglichen, ohne Verantwortung wegzudelegieren. Sie muss Fehler korrigieren, ohne aus Angst vor Fehlern gar nicht mehr zu handeln.

„Vor Ort entscheidet sich nicht die Theorie der Demokratie, sondern ihr Alltagskredit.“

Dieser Alltagskredit entsteht, wenn Menschen erleben, dass Politik nicht perfekt, aber ansprechbar ist. Wenn Entscheidungen nicht willkürlich wirken. Wenn Verwaltung nicht als Wand erscheint. Wenn Ratsmitglieder nicht nur Parteivertreter sind, sondern Menschen, die in ihrer Stadt oder Gemeinde Verantwortung tragen.

Deshalb ist kommunale Demokratie kein Nebenschauplatz. Sie ist das Trainingsfeld demokratischer Zumutung. Hier lernen Gesellschaften, dass es keine Politik ohne Konflikt gibt. Hier zeigt sich, ob Freiheit und Verantwortung zusammenfinden. Hier entscheidet sich, ob Menschen Demokratie als eigenes Projekt erleben oder als fremdes System.

Nicht abschaffen, sondern entwickeln

Die Folge #256 ist stark, weil sie viele richtige Fragen stellt. Sie übertreibt manchmal, bleibt an einzelnen Stellen abstrakt und lässt wichtige Reformideen zu schnell liegen. Aber sie kreist um einen entscheidenden Punkt: Die liberale Demokratie ist nicht dadurch gerettet, dass man sie beschwört. Sie muss sich weiterentwickeln.

Ich teile die Diagnose einer Systemverdrossenheit, aber nicht den Eindruck einer erschöpften Demokratie. Ich teile die Kritik an verlorener Verantwortung, ergänze sie aber um die Frage, ob Gesellschaft Verantwortung noch übertragen will. Ich teile den Appell, aus dem Kulturkampf herauszukommen, bleibe aber skeptisch gegenüber jeder Normalisierung völkischer Politik. Ich teile die Sorge vor ökonomischer und technologischer Machtkonzentration und sehe gerade deshalb die Notwendigkeit, Demokratie handlungsfähiger zu machen.

„Die Antwort auf demokratische Erschöpfung darf nicht weniger Demokratie sein. Sie muss bessere demokratische Verantwortung sein.“

Am Ende bleibt „alles scheiße“ als Satz zu grob. Aber als Störung ist er produktiv. Er zwingt dazu, nicht nur über Stimmungen zu klagen, sondern nach Strukturen, Mentalitäten und Verantwortung zu fragen. Die bessere Antwort beginnt nicht im großen Systementwurf, sondern in der Bereitschaft, vor Ort Verantwortung zu übernehmen, Verantwortung zu übertragen und Konflikte demokratisch auszuhalten.

„Vielleicht beginnt Demokratie gar nicht dort, wo wir einer Meinung sind. Vielleicht beginnt sie dort, wo wir bereit bleiben, Verantwortung für Entscheidungen zu übernehmen, die nie alle überzeugen werden.“

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Warum diese Reihe

Mit „Lanz & Precht – vor Ort“ übersetze ich die großen Debatten des Podcasts in konkrete kommunalpolitische Fragen. Welche Thesen werden hier eigentlich verhandelt? Welches Politik- und Menschenbild steckt dahinter? Was bedeutet das ganz praktisch für Städte, Gemeinden und lokale Demokratie? Und wo sehe ich Zustimmung, Zweifel oder klaren Widerspruch? „Lanz & Precht – vor Ort“ steht für Analyse, Einordnung und lokale Erdung. Es ist mein Blick auf den Podcast aus kommunalpolitischer Perspektive. Dieser Newsletter steht in keinem Zusammenhang mit dem Original-Podcast „Lanz & Precht“ und versteht sich ausdrücklich als unabhängige Kommentierung.

Fortsetzung folgt…

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