In der aktuellen Folge #248 von Lanz & Precht mit dem Titel „Aktivismus vs. Journalismus: Wo ist die Grenze?“ diskutieren Markus Lanz und Richard David Precht über die Veränderung medialer Öffentlichkeit, den Umgang mit der AfD, die Rolle aktivistischer Medienformate und die Frage, ob Journalismus heute überhaupt noch den Anspruch erhebt, möglichst objektiv zu informieren. Schnell wird dabei deutlich: Diese Debatte handelt nicht nur von Medien. Sie handelt von Demokratie, Vertrauen und der Frage, wie gesellschaftliche Verständigung unter den Bedingungen digitaler Polarisierung überhaupt noch funktionieren kann.

Zwischen Aufklärung und Mobilisierung

Ausgangspunkt der Diskussion ist das viel diskutierte Interview des Podcasters Ben Bernt mit Björn Höcke. Vier Stunden Gespräch, kaum kritische Nachfragen, keine klassische journalistische Einordnung. Genau darin sehen manche Zuschauer einen Tabubruch, andere wiederum eine Befreiung vom „betreuten Denken“, das sie „etablierten“ Medien vorwerfen.

Markus Lanz beschreibt diese Entwicklung mit sichtbarer Irritation. Klassischer Journalismus verliere zunehmend seine Deutungshoheit, weil politische Akteure alternative Öffentlichkeiten nutzen, in denen sie keine kritischen Fragen mehr erwarten müssen. Donald Trump bei Joe Rogan wird dabei ebenso erwähnt wie deutsche Formate rund um Podcasts und Social Media.

Richard David Precht argumentiert differenzierter. Er trennt deutlich zwischen journalistischen und unterhaltenden Formaten. Ein privater Podcaster dürfe selbstverständlich ein unkritisches Gespräch führen. Öffentlich-rechtlicher Journalismus hingegen müsse anderen Maßstäben folgen. Dort seien kritische Nachfragen nicht optional, sondern Wesenskern journalistischer Arbeit.

Gleichzeitig macht Precht auf ein Problem aufmerksam, das oft unterschätzt wird: Wer politische Akteure vollständig ausgrenzt, macht sie unter Umständen erst interessant. Der Mythos des Verbotenen entsteht häufig genau dort, wo Öffentlichkeit verweigert wird.

Die neue Logik der Öffentlichkeit

Im weiteren Verlauf wird die Diskussion grundsätzlicher. Beide beschreiben einen Strukturwandel des Journalismus. Früher lebten große Medienhäuser überwiegend von Anzeigenkunden und mussten deshalb möglichst breite gesellschaftliche Milieus ansprechen. Anzeigenfinanzierter Journalismus war damit fast zwangsläufig auf eine gewisse Breite und Ausgewogenheit angewiesen.

Heute verändert sich diese Logik grundlegend. Abonnements, Communities, digitale Reichweitenmechanismen und personenbezogene Medienmarken gewinnen massiv an Bedeutung. Medien konkurrieren nicht mehr primär um Vertrauen, sondern um Aufmerksamkeit, Bindung und emotionale Wiedererkennbarkeit.

Dadurch verändert sich zwangsläufig auch die journalistische Dramaturgie. Empörung erzeugt Reichweite. Moralische Zuspitzung schafft Aufmerksamkeit. Verdachtsberichterstattung produziert digitale Abonnements. Der wirtschaftliche Druck belohnt immer häufiger Lagerbildung statt differenzierter Einordnung.

Besonders deutlich wird das am Beispiel der Korrektiv-Recherche zum Potsdamer Treffen. Precht wirft Korrektiv vor, journalistische Darstellung und politischen Aktivismus unzulässig vermischt zu haben. Markus Lanz ergänzt, dass viele Medien die zugespitzte Interpretation ungeprüft übernommen hätten.

Hier zeigt sich der eigentliche Kern der Debatte:

„Nicht jede Haltung ist Aktivismus. Aber Aktivismus beginnt dort, wo das gewünschte Ergebnis wichtiger wird als die offene Suche nach Wahrheit.“

Haltung wird also dann problematisch, wenn Journalismus politische Mobilisierung wichtiger nimmt als ergebnisoffene Einordnung.

Die Verantwortung der Mediennutzer

Gleichzeitig greift es zu kurz, die Verantwortung allein bei Medienhäusern zu suchen. Leserzentrierter Journalismus entsteht nicht nur durch Redaktionen, sondern auch durch das Verhalten der Mediennutzer selbst. Jeder Klick, jedes Abo und jede Form digitaler Aufmerksamkeit beeinflusst unmittelbar, welche Art von Öffentlichkeit wirtschaftlich erfolgreich ist.

Der Trend zum leserfinanzierten Journalismus zeigt deshalb auch, wie groß die Verantwortung jedes Einzelnen geworden ist. Wer ausschließlich Medien konsumiert, die das eigene Weltbild bestätigen, verstärkt genau jene Polarisierung, die anschließend beklagt wird.

„Der Medienmarkt folgt längst nicht mehr nur journalistischen Prinzipien – sondern den emotionalen Bedürfnissen seines Publikums.“

Dadurch entsteht eine Öffentlichkeit, die immer weniger auf Verständigung und immer stärker auf Mobilisierung ausgerichtet ist. Das betrifft rechte wie linke Milieus gleichermaßen. Die Logik digitaler Aufmerksamkeit bevorzugt klare Lager, moralische Eindeutigkeit und schnelle Empörung – nicht differenzierte Ambivalenz.

Die Illusion objektiver Neutralität

Ich teile – im Gegensatz zu Precht – den Eindruck von Markus Lanz, dass große Teile des medialen Betriebs kulturell und politisch eher links der Mitte verortet sind. Das allein ist allerdings noch kein demokratisches Problem. Problematisch wird es erst dann, wenn diese Grundhaltung unsichtbar gemacht wird und als vermeintlich neutrale Selbstverständlichkeit auftritt.

Dabei halte ich die Vorstellung eines vollkommen neutralen Journalismus für unrealistisch. Jeder Journalist besitzt ein Wertefundament. Jeder Mensch interpretiert Wirklichkeit durch einen bestimmten Filter. Entscheidend ist deshalb nicht Wertfreiheit, sondern Transparenz.

„Demokratie braucht keine wertfreien Medien. Sie braucht Medien, die ihre Wertmaßstäbe ehrlich offenlegen.“

Gerade deshalb überzeugt mich der alte Satz von Hajo Friedrichs weiterhin: „Ein Journalist sollte sich mit keiner Sache gemein machen – auch nicht mit einer Guten.“ Nicht weil Journalisten keine Haltung haben dürften, sondern weil demokratische Öffentlichkeit auf nachvollziehbare Trennung zwischen Nachricht, Bewertung und Kampagne angewiesen bleibt.

Die AfD und das Toleranzdilemma

An einem Punkt greift mir die Argumentation von Lanz allerdings zu kurz. Wenn davon gesprochen wird, AfD-Wähler würden „ignoriert“, halte ich das für eine problematische Verkürzung. Kaum eine politische Kraft bestimmt öffentliche Debatten derzeit so stark wie die AfD.

Das eigentliche Problem liegt aus meiner Sicht woanders: Die Partei lebt strategisch davon, sich selbst als ausgeschlossen darzustellen, während sie gleichzeitig politische Institutionen und demokratische Verfahren delegitimiert.

Meine eigenen Erfahrungen im kommunalpolitischen Alltag bestätigen diesen Eindruck. Im Cloppenburger Kreistag und Stadtrat habe ich AfD-Mandatsträgern – sofern sie überhaupt anwesend waren – immer ein Mindestmaß an persönlichem Respekt entgegengebracht und versucht, ihre ideologischen Aussagen inhaltlich zu stellen.

Genau das war allerdings erstaunlich selten möglich. Nicht deshalb, weil Widerspruch unterdrückt worden wäre, sondern weil sich viele AfD-Vertreter an den eigentlichen kommunalpolitischen Prozessen kaum beteiligt haben. In zahlreichen Sitzungen kamen keine inhaltlichen Beiträge, keine konstruktiven Vorschläge und kaum erkennbare Mitarbeit an konkreten Lösungen, geschweige denn eigene Ideen.

„Wer permanent von Meinungsfreiheit spricht, sich als Opfer inszeniert, muss sich auch an demokratischer Sacharbeit beteiligen wollen.“

Gerade darin liegt aus meiner Sicht ein zentraler Unterschied zwischen Protestpolitik und verantwortlicher Demokratie. Kommunalpolitik besteht nicht aus Empörung, sondern aus Detailarbeit, Kompromissen und organisatorischer Verantwortung. Und hier zeigt sich für mich eindeutig die Schwäche der AfD.

Das eigentliche Toleranzdilemma moderner Demokratien besteht deshalb nicht darin, andere Meinungen auszuhalten. Das gehört selbstverständlich zur Demokratie. Problematisch wird es dort, wo demokratische Öffentlichkeit und politische Institutionen von dieser Partei und anderen Extremisten genutzt werden, ohne ernsthaft an ihrer Funktionsfähigkeit mitzuwirken.

„Demokratie scheitert selten an Streit. Gefährlich wird es, wenn politische Kräfte vor allem von der Schwächung demokratischer Verfahren leben.“

Kommunalpolitik im neuen Aufmerksamkeitswettbewerb

Gerade kommunalpolitisch zeigt sich allerdings, dass diese Entwicklung keineswegs nur ein Problem „der großen Medien“ ist. Auch vor Ort verändern sich Öffentlichkeit, Kommunikation und politische Erwartungen fundamental.

Lokale Tageszeitungen verlieren Reichweite, wirtschaftliche Stabilität und teilweise auch ihre Rolle als verbindende demokratische Plattform. Gleichzeitig entstehen neue digitale Öffentlichkeiten, die deutlich schneller, emotionaler und konfliktorientierter funktionieren. Für viele ehrenamtliche Kommunalpolitiker entsteht daraus eine paradoxe Situation: Sie sollen komplexe politische Prozesse erklären, Haltung zeigen, permanent ansprechbar sein und gleichzeitig mit den Mechanismen sozialer Medien mithalten – oft ohne professionelle Kommunikationsstrukturen oder ausreichende Ressourcen.

„Die alte kommunalpolitische Logik, nach der Sacharbeit, persönliche Begegnung und lokale Glaubwürdigkeit automatisch Vertrauen erzeugen, funktioniert deshalb immer weniger selbstverständlich.“

Kommunalpolitik steht heute im gleichen Aufmerksamkeitswettbewerb wie große Bundespolitik – allerdings ohne deren Ressourcen.

Hinzu kommt, dass auch lokale Berichterstattung nicht mehr automatisch als neutraler Vermittler wahrgenommen wird. Manche klassische Medien verlieren ihre verbindende Funktion, andere werden selbst zunehmend als politisch oder ideologisch eingeordnet. Gleichzeitig überfordert die Dynamik sozialer Medien viele kommunale Strukturen vollständig. Debatten beschleunigen sich, Empörung eskaliert schneller und selbst kleine lokale Konflikte werden plötzlich Teil größerer Lagerkämpfe.

Dadurch geraten gerade kommunale Mandatsträger in ein Spannungsfeld, auf das viele ursprünglich gar nicht vorbereitet waren. Sie sind häufig ehrenamtlich tätig, arbeiten unter enormem Zeitdruck und sollen dennoch gleichzeitig Fachpolitiker, Krisenkommunikatoren, Social-Media-Akteure und gesellschaftliche Integrationsfiguren sein.

„Die Erwartungen an Kommunalpolitik steigen permanent – während gleichzeitig die stabilisierenden Strukturen lokaler Öffentlichkeit brüchiger werden.“

Deshalb wäre es aus meiner Sicht falsch, Kommunalpolitik romantisch zu verklären. Auch vor Ort erleben wir dieselben Polarisierungsmechanismen wie auf Bundesebene – nur unmittelbarer, persönlicher und oft mit deutlich geringeren professionellen Möglichkeiten, damit umzugehen.

Gerade deshalb bleibt die Fähigkeit zur sachlichen Zusammenarbeit so entscheidend. Demokratie lebt nicht davon, dass Konflikte verschwinden. Sie lebt davon, dass gesellschaftliche Gruppen trotz wachsender öffentlicher Erregung überhaupt noch Handlungsfähigkeit organisieren können.

Und genau diese gemeinsame Wirklichkeit wird gegenwärtig zunehmend fragiler.

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Warum diese Reihe

Mit „Lanz & Precht – vor Ort“ übersetze ich die großen Debatten des Podcasts in konkrete kommunalpolitische Fragen. Welche Thesen werden hier eigentlich verhandelt? Welches Politik- und Menschenbild steckt dahinter? Was bedeutet das ganz praktisch für Städte, Gemeinden und lokale Demokratie? Und wo sehe ich Zustimmung, Zweifel oder klaren Widerspruch? „Lanz & Precht – vor Ort“ steht für Analyse, Einordnung und lokale Erdung. Es ist mein Blick auf den Podcast aus kommunalpolitischer Perspektive. Dieser Newsletter steht in keinem Zusammenhang mit dem Original-Podcast „Lanz & Precht“ und versteht sich ausdrücklich als unabhängige Kommentierung.

Fortsetzung folgt

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