In Folge #266 von „Lanz & Precht“ mit dem Titel „Die Linke und der Antisemitismus-Vorwurf“ verhandeln Markus Lanz und Richard David Precht eine Frage, die weit über die Berliner Linkspartei hinausreicht: Wo endet legitime Kritik an der Politik Israels, wo beginnt Antisemitismus – und was geschieht mit einer demokratischen Gesellschaft, wenn dieser schwerwiegende Vorwurf zugleich politisch instrumentalisiert wird?
Ausgangspunkt ist der bemerkenswerte Aufstieg einer stark verjüngten Linken, deren neue Mitglieder den Krieg in Gaza vielfach nicht aus der deutschen Erinnerungskultur heraus betrachten, sondern durch ein postkoloniales Deutungsmuster von Unterdrückten und Unterdrückern. Damit rückt die Folge einen Konflikt ins Zentrum, der nicht abstrakt bleibt, sondern längst Schulen, Parteitage, Straßen und kommunale Gremien erreicht.
Eine Partei im politischen und moralischen Umbruch
Lanz zeichnet zunächst das Bild einer Partei, die nach dem Abgang Sahra Wagenknechts politisch abgeschrieben schien und sich innerhalb kurzer Zeit durch den massenhaften Eintritt junger Menschen erneuert hat. Er betont den Bruch zwischen älteren Repräsentanten wie Bodo Ramelow, Dietmar Bartsch, Gregor Gysi, Petra Pau oder Klaus Lederer und einer neuen Mitgliedschaft, die jünger, migrantischer und in ihrer Haltung zum Nahostkonflikt deutlich radikaler erscheint. Besonders schwer wiegt in seiner Darstellung der Berliner Landesparteitag von 2024, auf dem ein Antrag zur klaren Ablehnung von Antisemitismus und Judenhass keine Mehrheit fand. Für Lanz ist dies kein Beweis dafür, dass die gesamte Partei antisemitisch sei; es ist aber ein Vorgang, der ihre Distanzierungen unglaubwürdiger macht und sie zu Recht angreifbar werden lässt.
Precht teilt die Kritik an diesem Vorgang, deutet ihn jedoch vorsichtiger. Er vermutet, dass die Ablehnung weniger aus offenem Judenhass als aus der Sorge entstanden sein könnte, mit einer unklaren Antisemitismusdefinition zugleich scharfe Israelkritik zu delegitimieren. Dabei verweist er auf den Unterschied zwischen der weit gefassten Arbeitsdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance und der Jerusalemer Erklärung, die Antisemitismus enger von Kritik an Israel und am Zionismus abgrenzen will. Sein Kernargument lautet: Wird der Begriff zu einem politischen Kampfmittel ausgeweitet, verliert er an Schärfe – und damit am Ende auch an Kraft im Kampf gegen tatsächlichen Judenhass.
Damit setzen Lanz und Precht unterschiedliche Akzente. Lanz fragt stärker nach den politischen Folgen sichtbarer Grenzverschiebungen innerhalb der Linken und nach der Sicherheit jüdischen Lebens in Deutschland. Zugleich warnt er davor, aus harter Kritik an der israelischen Regierung pauschal einen Antisemitismusvorwurf abzuleiten. Precht stellt demgegenüber die begriffliche und ideengeschichtliche Ebene in den Vordergrund: Er beschreibt die neue Palästina-Solidarität als Teil einer postkolonialen Weltsicht, in der Israel als mächtige, westliche Kolonialmacht und die Palästinenser als unterdrücktes Volk erscheinen. Diese Perspektive könne historische Blindstellen korrigieren, produziere aber neue, wenn sie Gewalt, Islamismus oder den 7. Oktober ausblende.
Zwischen legitimer Kritik und realer Bedrohung
Im Verlauf des Gesprächs verschiebt sich der Fokus von der Parteipolitik auf gesellschaftliche Wirklichkeit. Lanz schildert, wie jüdische Kinder in deutschen Großstädten ihre Sichtbarkeit einschränken, wie Schulen mit antisemitischem Mobbing umgehen müssen und wie der Konflikt des Nahen Ostens in den deutschen Alltag hineinragt. Precht ergänzt, dass Menschen mit palästinensischer, arabischer oder muslimischer Familiengeschichte häufig einen anderen historischen Bezug zu Israel haben als jene Deutschen, deren Erinnerungskultur durch die nationalsozialistischen Verbrechen geprägt ist. Beide unterscheiden dabei zwischen persönlicher Schuld und bleibender Verantwortung – doch sie bewerten unterschiedlich, wie stark eine veränderte Gesellschaft auch die deutsche Haltung zu Israel verändern wird.
Am Ende treffen sich beide in ihrer Ideologiekritik. Moralische Gewissheit, so ihr gemeinsamer Gedanke, kann selektiv machen: Wer ausschließlich den 7. Oktober zum Ausgangspunkt nimmt, riskiert, das Leid der Menschen in Gaza und die Entwicklung im Westjordanland zu verdrängen. Wer allein auf Gaza blickt, kann wiederum das Massaker der Hamas, den fortdauernden Antisemitismus und die Bedrohung jüdischen Lebens relativieren. Der Podcast beschreibt damit kein einfaches Rechts-links-Schema, sondern konkurrierende moralische Erzählungen, die jeweils sehr genau sehen, was in das eigene Weltbild passt – und zu wenig, was es stört.
Wohlwollen darf nicht vom politischen Lager abhängen
Genau an diesem Punkt beginnt meine Einordnung. Precht bemüht sich erkennbar, die Entscheidungen und inneren Konflikte der Linkspartei aus ihren Motiven heraus zu verstehen.
Das ist zunächst richtig: Wer Politik beurteilen will, sollte nicht nur verurteilen, sondern verstehen.
Auffällig ist jedoch, dass dieses interpretierende Wohlwollen bei Precht gegenüber der CDU deutlich schneller endet. Wenn ein abgelehnter Antrag bei der Linken aus begrifflicher Unsicherheit erklärt wird, während Fehlentscheidungen oder unpräzise Aussagen auf konservativer Seite als Beleg politischer Heuchelei dienen, entsteht kein ausgewogener Maßstab. Redlichkeit beginnt dort, wo für politische Gegner dieselben Erklärungs- und Beweisstandards gelten wie für das eigene Milieu.
Auch der Vergleich der heutigen Proteste mit der Anti-Vietnamkriegsbewegung überzeugt mich nicht. Beide Konflikte unterscheiden sich in ihren Ursachen, Akteuren und globalen Folgen erheblich. Die Analogie verleiht der gegenwärtigen Bewegung eine historische Würde, bevor geklärt ist, welche Teile ihres Denkens tatsächlich emanzipatorisch sind und wo sie selbst in ideologische Vereinfachung, Terrorverharmlosung oder Antisemitismus kippt. Pointiert formuliert:
Wer Gaza zum neuen Vietnam erklärt, verteilt moralische Rollen, bevor er politische Verantwortung geprüft hat.
Gerade dieser Vergleich verweist auf ein größeres Problem der Argumentation: Die politische Erneuerung der Linken wird einerseits als Ausdruck eines tiefgreifenden Generationen- und Perspektivwechsels beschrieben, andererseits dienen ausgerechnet ihre bisherige Programmatik und die Haltung früherer Führungspersönlichkeiten als Beleg dafür, dass sich am grundlegenden Verhältnis zu Antisemitismus nichts verändert habe. Beides lässt sich nicht ohne Weiteres zusammenführen. Wenn eine Partei sich personell, kulturell und programmatisch verschiebt, müssen ihre heutigen Beschlüsse und ihr heutiges Umfeld zum Maßstab werden. Versicherungen früherer Führungspersönlichkeiten ersetzen deshalb keine belastbare Auseinandersetzung mit dem, was an der Basis geduldet, unterstützt oder gefordert wird.
Der Antisemitismusvorwurf braucht Klarheit, keine Ausflüchte
Richtig ist: Israelkritik ist nicht automatisch antisemitisch. Eine demokratische Öffentlichkeit muss Entscheidungen der israelischen Regierung, das militärische Vorgehen in Gaza und die Siedlungspolitik im Westjordanland scharf kritisieren können. Ebenso richtig ist aber, dass die Debatte über Definitionen nicht zur Ausweichbewegung werden darf. Wenn jüdische Menschen kollektiv verantwortlich gemacht, eingeschüchtert oder angegriffen werden, wenn das Existenzrecht Israels bestritten oder der Terror des 7. Oktober relativiert wird, ist die Grenze nicht bloß sprachlich unscharf. Dann geht es nicht um eine akademische Kontroverse, sondern um politische und gesellschaftliche Konsequenzen.
Deshalb überzeugt mich auch der Hinweis auf antisemitische Verfehlungen anderer Parteien nur begrenzt. Selbstverständlich muss Antisemitismus überall benannt werden – in der Linken, in der CDU, in der AfD, in religiösen Milieus und in der Mitte der Gesellschaft. Doch der Verweis auf die Fehler der anderen beantwortet nicht die Frage nach der eigenen Verantwortung.
Antisemitismus wird nicht kleiner, wenn man ihn parteipolitisch verrechnet.
Besonders deutlich widerspreche ich dort, wo gesellschaftliche Veränderung durch Migration als möglicher Grund erscheint, die besondere deutsche Verantwortung neu zu gewichten. Menschen, die Deutsche werden oder dauerhaft in Deutschland leben, bringen unterschiedliche Familiengeschichten und historische Erfahrungen mit. Das verdient Respekt und muss in politische Bildung einbezogen werden. Doch Staatsbürgerschaft ist mehr als die Summe privater Herkunftsgeschichten.
Die deutsche Verantwortung für jüdisches Leben ist kein Erbe einzelner Familien, sondern ein Auftrag unseres Gemeinwesens.
Sie gilt unabhängig davon, ob die eigenen Vorfahren 1945 in Deutschland, der Türkei, Syrien oder anderswo lebten.
Perspektivwechsel ja, moralische Immunität nein
Die postkoloniale Theorie enthält einen wichtigen Impuls: Geschichte sieht anders aus, wenn sie aus der Perspektive der Beherrschten, Ausgebeuteten und Entrechteten erzählt wird. Gerade eine selbstbewusste demokratische Gesellschaft sollte bereit sein, die eigenen blinden Flecken zu prüfen. Problematisch wird dieser Perspektivwechsel jedoch, wenn aus ihm ein starres Täter-Opfer-Schema entsteht, das Menschen allein nach zugeschriebener Macht moralisch sortiert. Opfererfahrung verleiht keinen Freibrief für Gewalt, und historische Unterdrückung macht gegenwärtige Akteure nicht unfehlbar.
Hier trifft die Schlussfrage des Podcasts seinen eigenen blinden Fleck: Lanz und Precht fragen nach dem Zusammenhang von Moral und Ideologie, wenden diese Frage aber nicht konsequent auf ihre eigene Argumentation an.
Eine Theorie, die jedes Unrecht erklärt, aber das Unrecht der eigenen Seite übersieht, ist keine Aufklärung, sondern Lagerdenken.
Wer zu Recht vor der Instrumentalisierung des Antisemitismusvorwurfs warnt, muss ebenso vor der Instrumentalisierung des Kolonialismusbegriffs warnen.
Kommunalpolitik ist der Ort der Bewährung
Für Kommunalpolitik ist diese Debatte keineswegs zu groß oder zu weit entfernt. Sie wird vor Ort konkret: auf Schulhöfen, in Jugendzentren, bei Demonstrationen, in Integrationsräten, bei Gedenkveranstaltungen und in der Entscheidung, ob Stolpersteine verlegt werden dürfen. Gerade Städte und Gemeinden erfahren zuerst, ob gesellschaftliche Konflikte sprachfähig bleiben oder in Einschüchterung umschlagen. Sie können den Nahostkonflikt nicht lösen, aber sie tragen Verantwortung dafür, dass jüdisches Leben sichtbar und sicher sein kann, dass unterschiedliche Perspektiven gehört werden und dass menschenfeindliche Grenzüberschreitungen nicht als bloße Meinungsverschiedenheit verharmlost werden.
Entscheidend ist dabei eine kommunale Haltung, die weder Symbolpolitik noch Wegsehen betreibt. Schulen und Jugendarbeit brauchen Unterstützung, um Antisemitismus, islamistische Ideologie und jede Form gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit früh zu erkennen und klar zu bearbeiten. Erinnerungskultur darf nicht auf Jahrestage begrenzt bleiben, sondern muss historisches Wissen mit der Gegenwart verbinden. Initiativen wie das Forum Juden-Christen in Lingen zeigen, wie Begegnung, Bildung und lokales Engagement dazu beitragen können, abstrakte Verantwortung in gelebte Praxis zu übersetzen.
Auch die Debatte um Stolpersteine macht sichtbar, worum es kommunalpolitisch geht. Eine Stadt entscheidet nicht nur über Metallplatten im Gehweg, sondern darüber, ob die Namen der Verfolgten im Alltag präsent bleiben. Gleichzeitig müssen solche Entscheidungen transparent erläutert, mit Betroffenen und Initiativen vorbereitet und gegen parteipolitische Vereinnahmung geschützt werden.
Erinnerungskultur ist keine Dekoration des Stadtbildes, sondern ein Maßstab für die politische Kultur einer Stadt.
Für Lingen bedeutet das, die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit ebenso ernst zu nehmen wie die heutigen Erfahrungen jüdischer Menschen. Die jüngere öffentliche Diskussion über frühere Leserbriefe und den lokalen Umgang mit den Verbrechen der NS-Zeit erinnert daran, dass Verdrängung nicht nur ein historisches Phänomen ist.
Eine offene Stadt erkennt man nicht daran, dass alles gesagt werden darf, sondern daran, dass niemand wegen seiner jüdischen Identität schweigen oder sich verstecken muss.
Gute Kommunalpolitik schafft deshalb Räume, in denen Widerspruch möglich ist, Fakten gelten und klare Grenzen bestehen. Dialogorientierung heißt nicht, jede Position für gleich legitim zu erklären.
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Warum diese Reihe
Mit „Lanz & Precht – vor Ort“ übersetze ich die großen Debatten des Podcasts in konkrete kommunalpolitische Fragen. Welche Thesen werden hier eigentlich verhandelt? Welches Politik- und Menschenbild steckt dahinter? Was bedeutet das ganz praktisch für Städte, Gemeinden und lokale Demokratie? Und wo sehe ich Zustimmung, Zweifel oder klaren Widerspruch? „Lanz & Precht – vor Ort“ steht für Analyse, Einordnung und lokale Erdung. Es ist mein Blick auf den Podcast aus kommunalpolitischer Perspektive. Dieser Newsletter steht in keinem Zusammenhang mit dem Original-Podcast „Lanz & Precht“ und versteht sich ausdrücklich als unabhängige Kommentierung.
Fortsetzung folgt…