In Folge #262 von Lanz & Precht mit dem Titel „Wenn die Mitte ihre Mehrheit verliert“ sprechen Markus Lanz und Richard David Precht über das politische Beben in Sachsen-Anhalt, über den Bedeutungsverlust der klassischen Mitte und über die Frage, ob unsere liberale Demokratie noch ausreichend leistungsfähig ist, um die großen Konflikte der Gegenwart zu bearbeiten.

Ausgangspunkt ist ein Wahlergebnis, das nicht nur landespolitisch gelesen werden kann: Die AfD erreicht in Sachsen-Anhalt eine Größenordnung, die das Parteiensystem nicht mehr nur irritiert, sondern strukturell herausfordert. Lanz deutet diese Wahl deshalb als Zäsur, weil hier über Themen abgestimmt worden sei, die in Magdeburg gar nicht entschieden werden: Migration, Ukrainepolitik, Energiepreise, Mieten, Renten, wirtschaftliche Unsicherheit. Gerade darin liegt für ihn die eigentliche Botschaft: Landeswahlen werden zunehmend zu Abstimmungen über den Zustand des ganzen Landes.

Alarmismus oder Normalität

Lanz vertritt in dieser Folge vor allem die Perspektive des politischen Alarms. Er fragt, ob sich das Pendel in Deutschland nun endgültig nach rechts bewegt habe und ob die alte Formel, Wahlen würden in der Mitte gewonnen, noch trägt. Seine Skepsis richtet sich weniger gegen das Wahlergebnis als demokratischen Vorgang, sondern gegen die Ratlosigkeit der etablierten Parteien im Umgang damit. Besonders kritisch sieht er die Erklärungsmuster der politischen Mitte: Wenn Regierungspolitiker nach Wahlniederlagen sagen, sie müssten ihre Politik nur besser erklären, klingt das für ihn paternalistisch. Darin steckt der Vorwurf, die Bürger hätten die Politik nicht verstanden, obwohl sie möglicherweise sehr genau verstanden haben, was ihnen angeboten wurde.

Precht setzt an einer anderen Stelle an. Für ihn ist Sachsen-Anhalt weniger Ausnahme als Rückkehr zu einer älteren Normalität der Bundesrepublik. Er erinnert daran, dass CDU und SPD in den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren einander keineswegs als harmlose Varianten derselben Mitte begegneten, sondern als politische Gegensätze mit grundverschiedenen Gesellschaftsbildern. Der eigentliche Sonderfall sei daher nicht die heutige Polarisierung, sondern die lange Phase der Vermittlung seit der Wiedervereinigung und besonders der Merkel-Jahre. Precht beschreibt den Merkelismus als Epoche, in der sich fast alle relevanten Parteien in der Mitte drängten. Wenn diese Mitte nun auseinandergeht, ist das für ihn nicht nur ein Problem der AfD, sondern ein Symptom dafür, dass die liberale Demokratie bei großen Zukunftsfragen an Funktionsfähigkeit verloren hat.

Entscheidend ist die Gegenüberstellung: Lanz sucht nach der politischen Verantwortung im Hier und Jetzt, nach Führung, Kommunikation und der Fähigkeit der Union, auf ein erdrutschartiges Ergebnis angemessen zu reagieren. Precht schaut stärker historisch und systemisch: Er fragt, ob der Aufstieg des Rechtspopulismus nicht weniger Ursache als Folge einer tieferen Krise ist. Lanz drängt auf die Frage, was Friedrich Merz, die CDU und die Parteien der Mitte konkret falsch machen. Precht hingegen verschiebt den Blick auf die Architektur der Demokratie selbst: auf Repräsentation, Verrechtlichung, Expertenherrschaft, Mehrheitswillen und die Gefahr, aus Angst vor dem Volk die Demokratie gegen sich selbst zu verteidigen.

Demokratie ist mehr als Abwehr

Meine Einordnung beginnt an dem Punkt, an dem beide im Podcast etwas Richtiges berühren, aber aus meiner Sicht nicht konsequent genug zusammendenken. Ja, eine hohe Wahlbeteiligung ist zunächst ein demokratisches Signal. Und ja, auch ein starkes Ergebnis einer Partei, die ich politisch entschieden ablehne, bleibt Ergebnis einer demokratischen Wahl. Beides zusammen in Sachsen-Anhalt ist übrigens, dass was für mich die Zäsur ausmacht und hat mir einen neuen Blick geöffnet: Wer das nicht aushält, schwächt genau die Ordnung, die er zu verteidigen vorgibt.

Gleichzeitig folgt daraus nicht, dass jede politische Formation automatisch denselben normativen Rang erhält. Demokratische Wahl und demokratische Haltung sind nicht dasselbe. Gerade deshalb braucht es einen nüchternen, aber klaren Umgang: weder hysterische Ausgrenzung als Ersatz für Argumente noch naive Normalisierung als Verzicht auf Haltung.

Wer Demokratie nur verteidigt, indem er Wahlergebnisse moralisch entwertet, verwechselt Haltung mit Hilflosigkeit.

Genau diese Verwechslung ist gefährlich. Denn sie macht aus politischer Auseinandersetzung eine pädagogische Veranstaltung. Bürger werden dann nicht mehr als Subjekte demokratischer Entscheidung ernst genommen, sondern als Problemgruppe betrachtet, die man wieder einfangen, abholen oder besser beschulen müsse. Dieses Denken ist nicht nur arrogant, es ist politisch wirkungslos. Menschen wenden sich nicht von Parteien ab, weil ihnen ein Erklärvideo fehlt, sondern weil ihnen Orientierung, Wirksamkeit und Verlässlichkeit fehlen.

Unvereinbarkeit der Inhalte

Gleichzeitig überzeugt mich die Schlussfolgerung nicht, dass Politik deshalb einfach schärfer, lauter oder extremer werden müsse. Wenn die alte Formel von der Mitte nicht mehr trägt, bedeutet das nicht, dass die politische Mitte leergeräumt werden sollte. Es bedeutet vielmehr, dass Mitte wieder unterscheidbar werden muss. Eine demokratische Mitte, die nur noch aus Moderation, Verfahren und weichen Kompromissen besteht, verliert die Fähigkeit, Konflikte produktiv zu führen.

Im Kern heißt das aber auch: Wir als CDU müssen über die Unvereinbarkeitsbeschlüsse als formelles Instrument kritisch diskutieren. Unvereinbarkeit muss in Inhalten nicht in Beschlüssen begründet werden.

Gerade eine Volkspartei wie die CDU muss innere Spannungen aushalten und sichtbar austragen können, ohne dass jede Auseinandersetzung sofort als Zerfall skandalisiert wird. Streit ist nicht das Gegenteil von Stabilität; er ist eine Bedingung demokratischer Erneuerung.

Pragmatismus ohne Selbstverleugnung

Besonders interessant ist der Teil des Podcasts, in dem Lanz und Precht Bodo Ramelows pragmatischen Umgang mit einem AfD-Landrat positiv hervorheben. In der Sache ist das plausibel: Kommunalpolitik lebt davon, konkrete Probleme zu lösen, auch wenn die Parteibücher der Beteiligten nicht zueinander passen. Wenn ein Krankenhaus vor der Schließung steht, wenn Verkehrsinfrastruktur verfällt oder wenn eine Schule saniert werden muss, kann Verwaltungshandeln nicht dauerhaft im Modus parteipolitischer Selbstvergewisserung stehen. Aber genau hier zeigt sich auch eine Unwucht der öffentlichen Debatte. Was bei Ramelow als Pragmatismus gelobt wird, würde bei der CDU schnell als Dammbruch beschrieben. Diese doppelte Messlatte vergiftet politische Urteilsfähigkeit.

Kommunaler Pragmatismus beginnt dort, wo man Probleme löst, ohne seine politischen Maßstäbe zu verkaufen.

Das ist ein schmaler Grat. Er verlangt, Vorschläge nicht allein deshalb zu verwerfen, weil sie von der falschen Seite kommen, aber ebenso, politische Kooperation nicht mit inhaltlicher Anschlussfähigkeit zu verwechseln. Wer eine gute Idee ablehnt, weil sie von einem Gegner kommt, handelt schwach. Wer eine schlechte Idee übernimmt, weil sie gerade populär ist, handelt verantwortungslos. Die eigentliche Aufgabe – für Parteien und Gesellschaft – besteht darin, beides zu vermeiden: reflexhafte Abwehr und opportunistische Anpassung.

Für die kommunalpolitische Praxis ist das zentral. Städte und Gemeinden sind keine Talkshows. Sie können sich nicht dauerhaft über symbolische Grenzziehungen stabilisieren, sondern werden an Ergebnissen gemessen: an funktionierenden Kitas, bezahlbarem Wohnen, sicheren Straßen, verlässlicher Verwaltung, lebendigen Innenstädten, tragfähigen Haushalten und einer politischen Kultur, die Bürger nicht nur verwaltet, sondern beteiligt.

Daraus folgt: Wer Populismus schwächen will, muss demokratische Institutionen wieder erlebbar wirksam machen.

Nicht jede Unzufriedenheit ist Protest aus Unvernunft. Manchmal ist sie eine ziemlich präzise Beschreibung von Erfahrung.

Das Missverständnis guter Erklärung

Eine der wichtigsten Erkenntnisse dieser Folge liegt für mich in der Einsicht, dass Politik nicht mehr automatisch erfolgreich ist, wenn sie sachlich richtig handelt und anschließend gut erklärt, warum sie richtig gehandelt hat. In einer überkomplexen und schnelllebigen Zeit reicht das nicht mehr. Bürger erleben Politik nicht als Seminar, sondern als Wirkung in ihrem Alltag. Wenn Entscheidungen richtig sind, aber erst nach Jahren spürbar werden, während Zumutungen sofort eintreten, entsteht eine Lücke, die Populisten mühelos füllen. Deshalb braucht gute Politik heute nicht weniger Substanz, sondern eine andere Verbindung von Substanz, Verständlichkeit und sichtbarer Wirkung.

Politik scheitert heute seltener daran, dass sie nicht erklärt wird, sondern daran, dass Bürger ihre Wirkung nicht (rechtzeitig) erleben.

Das ist unbequem, weil es den Blick weg von Kommunikationsteams und hin zu Verwaltungsfähigkeit, Prioritätensetzung und Umsetzung lenkt. Eine Kommune kann noch so schlüssige Leitbilder formulieren; wenn der Bauantrag monatelang liegt, die Straße kaputt bleibt oder die Kita-Plätze fehlen, wird Vertrauen nicht durch Sprache repariert. Demokratie gewinnt Legitimität nicht nur durch Verfahren, sondern durch erfahrbare Leistungsfähigkeit.

Hier liegt auch die persönliche Zumutung für alle, die Politik gestalten wollen. Erfolgreiche Politik kann bedeuten, die eigene Abwahl wahrscheinlicher zu machen, weil notwendige Entscheidungen zunächst unpopulär sind. Wer Haushalte konsolidiert, Strukturen verändert oder liebgewonnene Gewissheiten infrage stellt, gewinnt selten sofort Applaus. Aber politische Verantwortung beginnt nicht dort, wo Zustimmung sicher ist, sondern dort, wo man begründet Zumutungen vertritt. Das unterscheidet Führung von Anpassung. Wer immer nur dort steht, wo gerade die Umfrage steht, verwechselt Repräsentation mit Reflex.

Die Mitte muss wieder streiten lernen

Prechts These, der Erfolg des Rechtspopulismus sei ein Symptom der Dysfunktionalität liberaler Demokratien, ist stark, aber sie darf nicht zur Entlastungsformel werden. Wenn gewohnte Institutionen bei Klima, Bildung, Migration, Rente oder Infrastruktur erkennbar an Grenzen stoßen, suchen Bürger nach Alternativen. Doch die Antwort darauf kann nicht sein, Institutionen pauschal zu verachten. Die bessere Antwort wäre, sie zu verändern, sie zu öffnen und sich stärker in ihnen zu engagieren. Parteien, Verwaltungen, Räte, Ausschüsse und Vereine sind nicht abstrakte Apparate. Sie sind Orte, an denen Demokratie konkret wird oder eben konkret scheitert.

Wer die Institutionen den Lautesten überlässt, darf sich nicht wundern, wenn am Ende Lautstärke für Führung gehalten wird.

Deshalb ist kommunalpolitische Beteiligung kein romantisches Ehrenamtsthema, sondern eine demokratische Schlüsselfrage. Gerade vor Ort entscheidet sich, ob Menschen Demokratie als fernes System oder als eigene Handlungsmöglichkeit erleben. Wenn Ratssitzungen leer bleiben, Parteien ausdünnen und Ausschüsse nur noch von wenigen getragen werden, entsteht ein Vakuum. Dieses Vakuum wird nicht neutral bleiben. Es wird gefüllt von denen, die einfache Antworten mit großer Gewissheit vortragen.

Gerade deshalb braucht die politische Mitte keine weichere Sprache, sondern klarere Konfliktfähigkeit. Sie muss sagen können, was sie will, was sie nicht will und welche Zumutungen sie für notwendig hält. Sie muss aber ebenso lernen, Bürgerkritik nicht sofort als moralisches Defizit zu behandeln. Wer Sorgen nur problematisiert, statt sie politisch zu bearbeiten, stärkt jene, die behaupten, als Einzige zuzuhören. Daraus folgt eine einfache, aber harte kommunalpolitische Aufgabe: weniger Erziehungsrhetorik, mehr Problemlösung; weniger symbolische Abwehr, mehr sichtbare Verbesserung.

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Warum diese Reihe

Mit „Lanz & Precht – vor Ort“ übersetze ich die großen Debatten des Podcasts in konkrete kommunalpolitische Fragen. Welche Thesen werden hier eigentlich verhandelt? Welches Politik- und Menschenbild steckt dahinter? Was bedeutet das ganz praktisch für Städte, Gemeinden und lokale Demokratie? Und wo sehe ich Zustimmung, Zweifel oder klaren Widerspruch? „Lanz & Precht – vor Ort“ steht für Analyse, Einordnung und lokale Erdung. Es ist mein Blick auf den Podcast aus kommunalpolitischer Perspektive. Dieser Newsletter steht in keinem Zusammenhang mit dem Original-Podcast „Lanz & Precht“ und versteht sich ausdrücklich als unabhängige Kommentierung.

Fortsetzung folgt…

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