Ausreichend gut statt perfekt regiert
Die 257. Folge von „Lanz + Precht“ trägt den Titel „Sommergespräch mit der Psychologin Franca Cerutti“. Anders als viele Folgen des Podcasts kreist das Gespräch diesmal nicht um Geopolitik, Künstliche Intelligenz oder den Zustand westlicher Demokratien, sondern um die Frage, wie Menschen heute mit sich selbst umgehen. Im Zentrum steht die Psychologin und Podcasterin Franca Cerutti, die gemeinsam mit Markus Lanz und Richard David Precht über Selbstoptimierung, psychische Gesundheit, Erziehung, Social Media und die wachsende Tendenz spricht, menschliche Erfahrungen zu psychologisieren.
Ein gemeinsamer roter Faden
Dabei entsteht ein bemerkenswertes Spannungsfeld zwischen den Gesprächspartnern. Markus Lanz interessiert sich vor allem für die gesellschaftlichen Folgen steigender Unsicherheit, für die Belastungen junger Menschen und für die Frage, warum heute so viele Menschen das Gefühl haben, den Anforderungen des Lebens nicht mehr zu genügen. Richard David Precht richtet den Blick stärker auf das dahinterliegende Menschenbild. Ihn beschäftigt die Frage, ob die zunehmende Psychologisierung des Alltags dazu führt, dass normale menschliche Eigenheiten, Krisen und Verletzungen immer häufiger als behandlungsbedürftige Defizite verstanden werden.
Franca Cerutti versucht, beide Perspektiven zusammenzuführen. Sie begrüßt ausdrücklich das größere Interesse an psychischer Gesundheit und Selbstreflexion. Gleichzeitig warnt sie vor einer Entwicklung, in der jede unangenehme Erfahrung sofort ein psychologisches Etikett erhält. Begriffe wie Trauma, Narzissmus oder Gewalt würden inzwischen oft so inflationär verwendet, dass die eigentlichen Konzepte dahinter verschwimmen.
Gerade weil ich mich beruflich täglich mit Coaching und psychologischen Konzepten beschäftige, finde ich Ceruttis Warnung vor ihrer Überdehnung bemerkenswert. Sie richtet sich nicht gegen Psychologie, sondern gegen ihre inflationäre Verwendung im Alltag.
Selbstoptimierung oder Perfektionsdruck
Bemerkenswert ist dabei, dass Lanz und Precht trotz unterschiedlicher Akzente an vielen Stellen dieselbe Sorge formulieren. Beide beobachten einen gesellschaftlichen Perfektionsdruck, der Menschen dazu verleitet, sich selbst permanent zu optimieren. Sei es der perfekte Körper, die perfekte Beziehung, die perfekte Erziehung oder die perfekte psychische Stabilität. Cerutti widerspricht dieser Logik mit einem der zentralen Gedanken des Gesprächs: Menschen brauchen keine Perfektion. Sie brauchen das, was der britische Psychoanalytiker Donald Winnicott einst als „ausreichend gut“ beschrieben hat.
Diese Überlegung zieht sich durch die gesamte Folge. Sie erscheint bei der Diskussion über Elternschaft ebenso wie bei der Frage nach Social Media, Resilienz und psychischen Belastungen. Besonders eindrucksvoll wird sie dort, wo Cerutti ihr Konzept der „inneren Oma“ vorstellt. Statt ständig auf die Verletzungen der Vergangenheit zu blicken, empfiehlt sie einen gedanklichen Perspektivwechsel: Wie würde der Mensch, der wir am Ende unseres Lebens einmal sein werden, auf unser heutiges Handeln schauen? Welche Sorgen erscheinen dann noch wichtig? Welche Chancen hätten wir vielleicht lieber genutzt?
Genau an dieser Stelle verlässt die Diskussion die Psychologie und berührt ungewollt eine Frage, die auch für Politik hochrelevant ist.
Gegen die Republik der Daueroptimierung
Beim Hören des Gesprächs ist mir immer wieder ein Gedanke gekommen: Die Kritik an der permanenten Selbstoptimierung beschreibt nicht nur einen individuellen Zustand. Sie beschreibt zunehmend auch einen politischen Zustand.
Viele politische Debatten folgen inzwischen derselben Logik wie persönliche Selbstoptimierungsprogramme. Probleme sollen nicht bearbeitet, sondern beseitigt werden. Risiken sollen nicht reduziert, sondern ausgeschlossen werden. Fehler sollen nicht begrenzt, sondern verhindert werden. Politik wird dadurch zum Versprechen eines perfekten Zustands. Das überzeugt mich nicht.
Eine Demokratie ist keine Maschine zur Herstellung von Perfektion. Sie ist ein Verfahren zur verantwortlichen Bearbeitung von Unvollkommenheit.
Gerade aus kommunalpolitischer Sicht wirkt der Anspruch auf permanente Optimierung oft fremd. Wer Verantwortung für eine Stadt, eine Gemeinde oder einen Landkreis trägt, weiß sehr schnell, dass Realität nicht aus Idealzuständen besteht. Es fehlen Fachkräfte. Das Geld reicht nicht für alle Wünsche. Ehrenamtliche haben begrenzte Ressourcen. Verwaltung arbeitet nicht in Echtzeit. Und trotzdem müssen Entscheidungen getroffen werden.
Politik bedeutet deshalb nicht, ideale Lösungen zu finden. Politik bedeutet, unter nicht idealen Bedingungen tragfähige Lösungen zu entwickeln.
Wann ist Politik gut genug?
Besonders interessant fand ich die Parallele zu Ceruttis Gedanken über Erziehung.
Sie beschreibt die „ausreichend gute Mutter“ als Gegenentwurf sowohl zur Vernachlässigung als auch zur Überbehütung. Kinder gedeihen nicht dann am besten, wenn Eltern jeden Stolperstein beseitigen. Sie gedeihen aber auch nicht dort, wo sie vollständig allein gelassen werden.
Genau dieses Spannungsfeld begegnet Politik ebenfalls. Ein Staat, der sich aus allem heraushält, erzeugt Unsicherheit und Orientierungslosigkeit. Ein Staat, der jedes Risiko absichern möchte, erzeugt Abhängigkeit, Bürokratie und Überforderung.
Der politische Gegenentwurf zur Vernachlässigung ist nicht Bevormundung. Er heißt Verantwortung.
Kommunal gedacht heißt das: Die Aufgabe von Politik besteht nicht darin, alle Probleme für die Bürger zu lösen. Ihre Aufgabe besteht darin, Voraussetzungen zu schaffen, damit Menschen Probleme selbst lösen können.
Das klingt unspektakulär. Tatsächlich ist es aber eine der anspruchsvollsten politischen Aufgaben überhaupt.
Die innere Oma für Kommunalpolitiker
Noch spannender wurde das Gespräch für mich bei der Vorstellung der „inneren Oma“.
Ceruttis Grundidee lautet, den Blick nicht ausschließlich rückwärts, sondern bewusst nach vorne zu richten. Statt sich ständig mit Vergangenem zu beschäftigen, fragt man sich: Wie werde ich später auf diese Situation zurückblicken?
Diese Perspektive fehlt vielen politischen Debatten.
Viel Energie wird darauf verwendet, Verantwortlichkeiten vergangener Entscheidungen aufzuarbeiten. Natürlich gehört das zu Demokratie dazu. Aber manchmal entsteht der Eindruck, als würden wir nahezu ausschließlich im Rückspiegel fahren.
Eine Demokratie verliert ihre Zukunft, wenn sie ihre gesamte Energie in die Bewertung der Vergangenheit investiert.
Die kommunalpolitische Praxis zwingt dagegen regelmäßig zu einem anderen Denken. Wer heute eine Schule plant, denkt zwanzig Jahre voraus. Wer Infrastruktur baut, denkt in Generationen. Wer über Wohnraum, Integration oder Ehrenamt spricht, beschäftigt sich zwangsläufig mit Zukunft.
Vielleicht braucht Politik tatsächlich häufiger eine „innere Oma“.
Nicht als sentimentales Wohlfühlkonzept, sondern als strategische Perspektive: Was werden die Menschen in zwanzig oder dreißig Jahren über die Entscheidungen sagen, die wir heute getroffen haben?
Resilienz entsteht nicht durch Risikovermeidung
Ein weiterer Gedanke des Gesprächs verdient besondere Aufmerksamkeit.
Mehrfach wird darüber gesprochen, dass unangenehme Erfahrungen heute häufig sofort als behandlungsbedürftiges Problem interpretiert werden. Cerutti widerspricht dieser Vorstellung ausdrücklich. Trauer, Enttäuschung, Scheitern oder Verunsicherung seien Bestandteile des Lebens und nicht automatisch Anzeichen einer Krankheit.
Hier werde ich aufmerksam. Denn dieselbe Logik begegnet auch im gesellschaftlichen Raum. Häufig entsteht der Eindruck, jede Belastung müsse sofort beseitigt werden. Jede Unsicherheit wird als Zumutung wahrgenommen. Jeder Konflikt als Fehlfunktion.
Dabei zeigt die kommunalpolitische Erfahrung etwas anderes.
Zusammenhalt entsteht nicht durch das Fehlen von Konflikten. Zusammenhalt entsteht durch die Fähigkeit, Konflikte auszuhalten und zu lösen.
Resilienz wächst nicht in der Abwesenheit von Problemen. Resilienz wächst im Umgang mit ihnen.
Das gilt für Menschen ebenso wie für Institutionen.
Wenn jede Macke zur Diagnose wird
Besonders nachdenklich gemacht hat mich schließlich die Diskussion über Begriffe wie Trauma oder Narzissmus, denn die betrifft nicht nur Psychologie. Sie wirft auch eine gesellschaftliche Frage auf.
Cerutti und Precht warnen davor, menschliche Eigenheiten vorschnell zu pathologisieren. Wo früher von Schwächen, Eigenarten oder schwierigen Phasen gesprochen wurde, stehen heute häufig Diagnosen im Raum.
Die Gefahr liegt dabei weniger in der Psychologie als in ihrem verallgemeinerten Gebrauch. Denn wenn jede Abweichung vom Idealzustand zu einem Problem erklärt wird, entsteht ein paradoxer Effekt: Der gesellschaftliche Druck nimmt zu.
Wer jede Unvollkommenheit therapieren will, definiert Perfektion als neue Norm.
Gerade deshalb ist der Gedanke des „ausreichend Gut-Seins“ so wertvoll. Er akzeptiert menschliche Begrenzungen, ohne Ansprüche aufzugeben. Er verbindet Verantwortung mit Realismus.
Und vielleicht ist genau das die eigentliche politische Botschaft dieses ungewöhnlichen Sommergesprächs.
Warum Demokratien keine Perfektion brauchen
Franca Cerutti spricht über Menschen. Beim Zuhören habe ich jedoch immer wieder an Politik gedacht.
Denn Demokratien stehen heute unter demselben Druck wie viele Menschen: ständig erfolgreicher, wirksamer, schneller und perfekter sein zu müssen.
Die Folge erinnert daran, dass weder Menschen noch Gesellschaften perfekt sein müssen, um gut zu funktionieren.
Die Stärke einer Demokratie zeigt sich nicht darin, dass Fehler verhindert werden. Sie zeigt sich darin, dass Menschen und Institutionen mit Fehlern umgehen können.
Aus kommunalpolitischer Sicht ist das vielleicht die wichtigste Erkenntnis dieser Podcastfolge.
Gleichzeitig habe ich den Eindruck gewonnen: Was Lanz und Precht in dieser Folge richtigerweise über Menschen sagen, sagen sie nicht immer mit derselben Konsequenz über Politik. Individuen gestehen sie Fehler, Begrenzungen und Entwicklungswege zu. Politische Institutionen, demokratische Verfahren oder gesellschaftliche Systeme werden nach meiner Einschätzung dagegen bisweilen an deutlich strengeren Maßstäben gemessen. Dabei gilt auch hier:
Nicht Perfektion sichert demokratische Stabilität, sondern die Fähigkeit, ausreichend gut Verantwortung zu übernehmen.
Demokratie ist kein Zustand der Perfektion, sondern ein Prozess des Lernens, Korrigierens und verantwortlichen Handelns unter unvollkommenen Bedingungen.
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Warum diese Reihe
Mit „Lanz & Precht – vor Ort“ übersetze ich die großen Debatten des Podcasts in konkrete kommunalpolitische Fragen. Welche Thesen werden hier eigentlich verhandelt? Welches Politik- und Menschenbild steckt dahinter? Was bedeutet das ganz praktisch für Städte, Gemeinden und lokale Demokratie? Und wo sehe ich Zustimmung, Zweifel oder klaren Widerspruch? „Lanz & Precht – vor Ort“ steht für Analyse, Einordnung und lokale Erdung. Es ist mein Blick auf den Podcast aus kommunalpolitischer Perspektive. Dieser Newsletter steht in keinem Zusammenhang mit dem Original-Podcast „Lanz & Precht“ und versteht sich ausdrücklich als unabhängige Kommentierung.
Fortsetzung folgt…