Die aktuelle Folge #251 „Made in Germany – sinkt der deutsche Stern?“ von Lanz & Precht kreist um eine Frage, die weit über Wirtschaftspolitik hinausgeht: Was hat Deutschland erfolgreich gemacht und warum scheint dieses Erfolgsmodell heute unter Druck zu geraten? Die Diskussion bewegt sich dabei zwischen Industriegeschichte, Rentenpolitik, Unternehmenskultur und der Suche nach einem neuen wirtschaftlichen Selbstverständnis. Bemerkenswert ist dabei vor allem, dass Markus Lanz und Richard David Precht zwar dieselbe Diagnose betrachten, aber häufig zu unterschiedlichen Bewertungen gelangen.
Zwischen Niedergangserzählung und Zuversicht
Bereits zu Beginn der Folge wird dieser Unterschied sichtbar. Ausgangspunkt ist die aktuelle Rentenreform. Richard David Precht sieht darin vor allem eine vertane Chance. Aus seiner Sicht fehlt der politische Mut zu echten Strukturreformen. Die demografische Entwicklung, die Belastung der öffentlichen Haushalte und die Auswirkungen künstlicher Intelligenz auf den Arbeitsmarkt würden nicht ernst genug genommen. Die Politik versuche vor allem, Konflikte zu verschieben, statt sie zu lösen.
Markus Lanz widerspricht dieser Diagnose zumindest teilweise. Ihm erscheint die Debatte zu düster und zu apokalyptisch. Er verweist auf eine neue Generation junger Politiker, die unbequeme Wahrheiten offen aussprechen und Reformbedarf klar benennen. Gleichzeitig sieht er weiterhin erhebliche Stärken Europas und Deutschlands, insbesondere in der dualen Ausbildung, der Qualifikation der Beschäftigten und der Fähigkeit, technologische Veränderungen zu bewältigen.
Während Precht also vor allem die strukturellen Risiken und die Reformunfähigkeit des politischen Systems betont, sucht Lanz nach Gründen für Zuversicht und nach den Ressourcen, auf denen zukünftiger Erfolg aufbauen könnte.
Die Sehnsucht nach der alten Deutschland AG
Im Mittelpunkt der Diskussion steht anschließend die Frage nach der wirtschaftlichen DNA Deutschlands. Beide Gesprächspartner zeichnen das Bild einer alten Deutschland AG, deren Erfolg auf Ingenieurskunst, langfristigem Denken und persönlicher Verantwortung beruhte.
Precht beschreibt die Unternehmergeneration der Gründerjahre und der Nachkriegsjahre als Menschen mit Beharrlichkeit, Risikobereitschaft und Weitsicht. Lanz ergänzt dieses Bild um die enge Vernetzung der damaligen Wirtschaftseliten, in der große Unternehmen, Banken und Industrie miteinander verbunden waren und gemeinsam Stabilität erzeugten.
Besonders deutlich wird dabei eine gewisse Sehnsucht nach dem Unternehmer als Patriarch, Gründer und Visionär. Die Geschichten über Werner Siemens, die frühen Automobilpioniere oder die Gründer von SAP stehen symbolisch für eine Zeit, in der Unternehmen noch stärker von Persönlichkeiten und weniger von Quartalszahlen geprägt gewesen seien.
Gleichzeitig sehen beide Gesprächspartner einen Bruch in den neunziger Jahren. Die stärkere Orientierung an Kapitalmärkten, die Auflösung der Beteiligungsstrukturen und die zunehmende Finanzialisierung hätten den Charakter der deutschen Wirtschaft verändert. An die Stelle des Unternehmers sei der Manager getreten, an die Stelle langfristiger Verantwortung die Optimierung des Börsenwertes.
Der Optimismus der kleinen Einheiten
Trotz aller Kritik endet die Folge erstaunlich optimistisch. Als mögliche Antwort auf die aktuellen Herausforderungen werden regionale Innovationscluster, mehr Eigenständigkeit der Bundesländer und eine stärkere europäische Zusammenarbeit diskutiert.
Insbesondere der britische Ökonom Paul Collier dient dabei als Referenzpunkt. Seine zentrale These lautet, dass wirtschaftliche Erneuerung nicht durch zentrale Steuerung entsteht, sondern durch regionale Netzwerke, lokale Innovationsräume und die Nähe zwischen Unternehmen, Wissenschaft und Politik.
Hier treffen sich die Perspektiven von Lanz und Precht wieder. Beide sehen in kleineren, handlungsfähigeren Einheiten größere Chancen als im schwerfälligen politischen Großsystem.
Die Hidden Champions sitzen nicht in Berlin
An dieser Stelle beginnt für mich die eigentliche kommunalpolitische Debatte.
Wenn in der Folge über die Stärke Deutschlands gesprochen wird, fallen Namen wie Siemens, BASF oder Volkswagen. Tatsächlich liegt die wirtschaftliche Stabilität Deutschlands aber viel stärker in den rund 1.600 Hidden Champions, die häufig außerhalb der Metropolen entstanden sind.
„Der Maschinenraum der deutschen Wirtschaft liegt nicht in Berlin, Frankfurt oder München. Er liegt in Landkreisen, Mittelzentren und Gewerbegebieten entlang der Bundesstraßen.“
Gerade Regionen wie das Emsland oder das Oldenburger Münsterland zeigen seit Jahrzehnten, dass Innovation nicht zwingend Hochhäuser und internationale Flughäfen benötigt. Sie benötigt verlässliche Infrastruktur, Fachkräfte, pragmatische Verwaltung und politische Partner, die wirtschaftliche Entwicklung nicht als Störfall betrachten.
Kommunal gedacht heißt das:
„Wirtschaftspolitik beginnt nicht im Bundeswirtschaftsministerium, sondern beim Bebauungsplan, beim Glasfaseranschluss und bei der Geschwindigkeit einer Baugenehmigung.“
Für Laxten und Brockhausen bedeutet das für mich ganz konkret einen regelmäßigen Wirtschaftsdialog mit den Unternehmen vor Ort. Wer die Zukunft seiner Stadt gestalten will, sollte zuerst mit denen sprechen, die Arbeitsplätze schaffen und Ausbildungsplätze anbieten.
Nicht jede Stadt wird das nächste Silicon Valley
Interessant ist gleichzeitig die Beobachtung der beiden Gesprächspartner, dass inzwischen nahezu jede Kommune ihr eigenes Start-up-Ökosystem etablieren möchte.
„Hier werde ich unsicher. Nicht jede Stadt muss das nächste Silicon Valley werden.“
Nicht jede Region braucht einen eigenen Technologiepark, einen eigenen Inkubator und eine eigene Gründungsinitiative. Der Wettbewerb der Kommunen darf nicht zum Wettbewerb um dieselben wenigen Gründer werden. Die Stärke des deutschen Föderalismus lag nie darin, dass jede Region alles konnte. Seine Stärke lag immer in Spezialisierung, Arbeitsteilung und regionalen Profilen.
Lingen zeigt allerdings gleichzeitig, dass Innovation auch in mittelgroßen Städten funktionieren kann. Der IT-Campus und die Entwicklung des regionalen Gründungsökosystems zeigen, dass wirtschaftliche Dynamik keineswegs ausschließlich ein Großstadtphänomen ist.
Der Föderalismus ist kein Problem, sondern ein Wettbewerbsvorteil
Besonders interessant finde ich deshalb den Gedanken einer stärkeren Dezentralisierung von Innovationspolitik.
Deutschland leidet häufig unter der Langsamkeit seiner Entscheidungsprozesse. Gleichzeitig schützt genau diese Struktur viele Regionen davor, wirtschaftlich abgehängt zu werden.
Frankreich kennt die Dominanz von Paris. Großbritannien kennt die Dominanz Londons. Die Vereinigten Staaten kennen ganze Regionen, die wirtschaftlich den Anschluss verloren haben. Deutschland kennt dagegen starke Regionen.
„Der deutsche Föderalismus produziert manchmal Reibungsverluste. Er produziert aber auch Resilienz.“
Gerade das Oldenburger Münsterland oder das Emsland zeigen, dass regionale Innovationscluster entstehen können, ohne dass Berlin jeden Förderbescheid unterschreibt.
„Wer regionale Unterschiede abschaffen will, schafft häufig regionale Stärken gleich mit ab.“
Der Staat ist nicht der bessere Unternehmer
An einer Stelle widerspreche ich der Grundstimmung der Folge deutlich. Es entsteht stellenweise der Eindruck, wirtschaftlicher Erfolg sei in erster Linie das Ergebnis richtiger politischer Entscheidungen. Diese Sicht halte ich für problematisch. Politik kann gute Rahmenbedingungen schaffen. Sie kann Bildung ermöglichen, Infrastruktur bereitstellen und Bürokratie abbauen.
„Wohlstand entsteht nicht im Ministerium, sondern im Unternehmen.“
Wir haben uns als Gesellschaft daran gewöhnt, wirtschaftliche Probleme reflexhaft an den Staat zu delegieren. Gleichzeitig beklagen wir die Überforderung eben dieses Staates. Der moderne Staat leidet zunehmend an einer Verantwortungsexplosion. Je mehr Aufgaben Politik übernimmt, desto weniger Verantwortung bleibt bei denjenigen, die eigentlich handeln müssten. Die soziale Marktwirtschaft war nie als staatliche Rundumversorgung gedacht. Sie war die organisierte Arbeitsteilung von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft.
Vielleicht wäre es an der Zeit, sich wieder stärker an die Prinzipien des Ordoliberalismus zu erinnern.
Die Nostalgie der Deutschland AG überzeugt mich nicht
Am stärksten irritiert mich allerdings die romantische Verklärung der alten Deutschland AG.
Die Gründerjahre des deutschen Wirtschaftswunders fanden unter völlig anderen technologischen, gesellschaftlichen und geopolitischen Bedingungen statt. Die damaligen Unternehmer agierten in einer Welt ohne Digitalisierung, ohne globale Plattformökonomie und ohne internationale Kapitalströme.
Geschichte liefert Orientierung, aber keine Bauanleitung. Noch widersprüchlicher wird es, wenn einerseits Machtkonzentration kritisiert und andererseits die wirtschaftlichen Eliten vergangener Jahrzehnte verklärt werden.
„Wir können nicht gleichzeitig Vielfalt und Teilhabe feiern und auf der anderen Seite die Konzentration von Macht, Einfluss und Vermögen nostalgisch betrachten.“
Besonders deutlich wird dies beim Vergleich zwischen den gefeierten Unternehmerfiguren der Nachkriegszeit und den heutigen Technologieunternehmern. Die gefeierten Industriellen der Deutschland AG waren die Tech-Oligarchen ihrer Zeit. Der Unterschied besteht häufig weniger in der Macht als in unserer Bereitschaft, die Vergangenheit zu romantisieren.
Zukunft entsteht vor Ort
Am Ende bleibt für mich deshalb eine andere Lehre aus dieser Folge als für Lanz und Precht.
Die Zukunft Deutschlands wird weder in nostalgischer Rückschau noch in zentralistischen Großstrategien entschieden. Sie wird dort entschieden, wo Unternehmen investieren, Menschen gründen und Kommunen Gestaltung ermöglichen. Der Wettbewerb der Zukunft ist ein Wettbewerb zwischen Regionen, Städten und Innovationsräumen.
Und genau deshalb ist Kommunalpolitik längst keine Nebensache mehr.
„Kommunen sind nicht die Außenstelle der großen Politik. Sie sind der Ort, an dem sich entscheidet, ob große Politik funktioniert.“
Wer Deutschlands Zukunft verstehen will, sollte weniger nach Berlin schauen und häufiger in die Gewerbegebiete seiner eigenen Stadt fahren.
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Warum diese Reihe
Mit „Lanz & Precht – vor Ort“ übersetze ich die großen Debatten des Podcasts in konkrete kommunalpolitische Fragen. Welche Thesen werden hier eigentlich verhandelt? Welches Politik- und Menschenbild steckt dahinter? Was bedeutet das ganz praktisch für Städte, Gemeinden und lokale Demokratie? Und wo sehe ich Zustimmung, Zweifel oder klaren Widerspruch? „Lanz & Precht – vor Ort“ steht für Analyse, Einordnung und lokale Erdung. Es ist mein Blick auf den Podcast aus kommunalpolitischer Perspektive. Dieser Newsletter steht in keinem Zusammenhang mit dem Original-Podcast „Lanz & Precht“ und versteht sich ausdrücklich als unabhängige Kommentierung.
Fortsetzung folgt…