In der Folge #249 „Wann ist ein Mann ein Mann?“ des Podcasts Lanz & Precht diskutieren Markus Lanz und Richard David Precht eine gesellschaftliche Entwicklung, die weit über klassische Geschlechterrollen hinausgeht. Ausgangspunkt ist zunächst ein spektakuläres Symbolbild aus den USA: Donald Trump inszeniert seinen Geburtstag mit Mixed-Martial-Arts-Kämpfen auf dem Gelände des Weißen Hauses. Lanz und Precht lesen diese Bilder als Ausdruck einer politischen und kulturellen Verschiebung, in der Macht, Dominanz und archaische Männlichkeit wieder sichtbar aufgewertet werden.
Zwischen Radikalisierung und Orientierungslosigkeit
Dabei vertreten beide unterschiedliche Rollen innerhalb der Diskussion. Markus Lanz argumentiert stärker aus einer gesellschaftspolitischen und journalistischen Perspektive heraus. Ihn beschäftigt vor allem die Beobachtung, dass sich viele junge Männer zunehmend radikalisieren, sich in digitalen Männerkulturen bewegen und sich von liberalen Demokratien entfremden. Er verweist auf die amerikanische „Manosphäre“, auf Figuren wie Andrew Tate und auf eine politische Rechte, die gezielt mit klassischen Dominanzbildern arbeitet. Für Lanz entsteht daraus eine gefährliche Dynamik: Junge Männer erleben gesellschaftliche Veränderungen als Verlustgeschichte und reagieren darauf mit Rückzug, Aggression oder politischer Radikalisierung.
Richard David Precht analysiert dieselbe Entwicklung stärker kulturphilosophisch. Er widerspricht der Vorstellung, Männlichkeit sei per se problematisch, und beschreibt stattdessen eine Orientierungskrise moderner Männer. Das traditionelle Männerbild passe nicht mehr in die Gegenwart, ein neues gesellschaftlich akzeptiertes Leitbild sei aber ebenfalls nicht entstanden. Genau daraus entstehe jene Leerstelle, die autoritäre und reaktionäre Bewegungen zunehmend besetzen. Precht kritisiert dabei insbesondere eine pauschalisierende Debattenkultur, in der Männer kollektiv unter Generalverdacht geraten. Seine zentrale These lautet: Nicht die toxische Männlichkeit nehme zu, sondern die gesellschaftliche Sensibilität gegenüber bestimmten männlichen Verhaltensweisen.
Im weiteren Verlauf diskutieren beide die Entwicklung des Feminismus, die Rolle sozialer Medien, Bildungsunterschiede zwischen Jungen und Mädchen sowie die zunehmende Einsamkeit vieler Männer. Besonders ausführlich sprechen sie über Schulen und Bildungssysteme. Precht vertritt die These, dass das heutige Bildungssystem stark an weiblichen Verhaltensmustern orientiert sei und Jungen dadurch häufiger scheitern. Lanz wiederum betont die Gefahr, dass genau diese Erfahrungen von Abwertung und Perspektivlosigkeit politisch instrumentalisiert werden. Beide eint letztlich die Sorge vor einer gesellschaftlichen Spaltung entlang der Geschlechterfrage.
Auffällig ist dabei, dass der Podcast immer wieder zwischen berechtigter Kritik an problematischen Männerbildern und Kritik an pauschalen Zuschreibungen gegenüber Männern unterscheidet. Gerade diese Differenzierung macht die Folge interessant. Denn sie verweigert sich sowohl dem reflexhaften Kulturkampf der Rechten als auch moralischer Vereinfachung auf der anderen Seite.
Die Krise liegt nicht nur bei Männern
Mich hat an dieser Folge besonders beschäftigt, wie stark die Debatte inzwischen zwischen zwei Extremen pendelt. Auf der einen Seite stehen tatsächlich reaktionäre Männerbilder, die Dominanz, Härte und Unterordnung von Frauen wieder romantisieren. Auf der anderen Seite existiert jedoch auch eine gesellschaftliche Tendenz, männliche Problemlagen nur noch unter moralischem Vorbehalt zu betrachten. Genau dort entsteht eine gefährliche Leerstelle.
Denn selbstverständlich gibt es reale Probleme: Gewalt gegen Frauen, Frauenhass im Netz oder autoritäre Männerkulturen dürfen nicht relativiert werden. Gleichzeitig entsteht aber ein gesellschaftliches Klima, in dem viele Männer den Eindruck gewinnen, grundsätzlich Teil eines Problems zu sein – selbst dann, wenn sie Verantwortung übernehmen, Familie tragen oder partnerschaftlich leben wollen.
Gerade darin liegt aus meiner Sicht ein zentraler Denkfehler vieler aktueller Debatten: Wer dauerhaft ganze Gruppen moralisch adressiert, erzeugt irgendwann Gegenidentitäten. Politik funktioniert nicht gegen kulturelle Zugehörigkeiten, sondern nur mit ihnen. Oder zugespitzt formuliert:
Wer jungen Männern über Jahre erklärt, sie seien vor allem ein Problem, darf sich nicht wundern, wenn andere ihnen plötzlich anbieten, wieder stolz darauf zu sein, Männer zu sein.
Diese Entwicklung beobachte ich inzwischen auch in Deutschland. Die politische Rechte arbeitet längst nicht mehr primär mit ökonomischen Versprechen, sondern mit kultureller Identität. Männlichkeit wird dabei zum politischen Angebot. Stärke, Eindeutigkeit und Dominanz erscheinen plötzlich wieder attraktiv – nicht unbedingt, weil junge Männer besonders konservativ wären, sondern weil viele gesellschaftliche Institutionen ihnen kaum noch positive Rollenbilder anbieten.
Vielfalt bedeutet auch Zumutung
Interessant ist dabei ein Punkt, der im Podcast eher am Rand auftaucht, aus meiner Sicht aber viel grundsätzlicher ist: der selektive Umgang mit Vielfalt. Vielfalt ist für mich kein dekorativer Begriff für Sonntagsreden, sondern ein anstrengender demokratischer Wert. Sie bedeutet, unterschiedliche Perspektiven, Erfahrungen und Lebensrealitäten tatsächlich auszuhalten – auch dann, wenn sie nicht ins eigene moralische Weltbild passen.
Genau daran scheitert unsere Gesellschaft zunehmend. Vielfalt wird oft dort eingefordert, wo sie die eigene Haltung bestätigt. Dort jedoch, wo andere Sichtweisen Irritation auslösen, endet die Toleranz erstaunlich schnell.
Das gilt ausdrücklich auch für Geschlechterrollen. Es gibt nicht den einen richtigen Weg, Mann zu sein. Es gibt fürsorgliche, sensible, dominante, zurückhaltende, analytische oder emotionale Männer. Und die meisten Menschen bewegen sich ohnehin irgendwo dazwischen. Die Vorstellung, gesellschaftlicher Fortschritt entstehe durch moralische Vereinheitlichung, halte ich für falsch.
Eine Gesellschaft wird nicht liberaler, wenn sie Klischees abschafft, sondern wenn sie mehr legitime Lebensentwürfe zulässt.
Deshalb funktionieren gemischte Teams aus meiner Erfahrung auch besser als homogene Gruppen. Denn unterschiedliche Perspektiven erzeugen Reibung. Und genau diese Reibung verbessert Entscheidungen. Das gilt in Unternehmen ebenso wie in Politik oder Ehrenamt.
Die kommunalpolitische Dimension
Gerade kommunalpolitisch ist diese Debatte hochrelevant. Denn vor Ort erlebt man ganz konkret, welche Gruppen sich zurückziehen, welche Menschen sich politisch nicht mehr repräsentiert fühlen und welche Milieus kaum noch erreichbar sind.
In vielen Parteien, Vereinen und Initiativen beobachten wir inzwischen ein paradoxes Problem: Einerseits wird mehr gesellschaftliche Vielfalt gefordert, andererseits engagieren sich bestimmte Gruppen immer weniger aktiv. Auch junge Männer tauchen vielerorts kaum mehr auf – weder in Parteien noch in klassischen Ehrenamtsstrukturen. Das liegt nicht nur an den Organisationen selbst. Es liegt auch daran, dass gesellschaftliche Anerkennung zunehmend asymmetrisch verteilt wird.
Kommunalpolitik lebt aber davon, dass Menschen sich einbringen, Verantwortung übernehmen und Gestaltung als etwas Positives erleben. Wer nur noch hört, welche historischen Schuldzusammenhänge mit der eigenen Identität verbunden sind, entwickelt selten Lust auf gesellschaftliches Engagement.
Deshalb halte ich einen anderen Ansatz für notwendig: weniger moralische Sortierung, mehr gesellschaftliche Integration. Politik muss Menschen ernst nehmen, bevor sie sie bewertet. Oder noch deutlicher:
Demokratie scheitert nicht zuerst an Radikalen. Sie scheitert daran, dass sich normale Menschen irgendwann nicht mehr gemeint fühlen.
Gerade deshalb sollten demokratische Parteien vorsichtig sein, kulturelle Debatten nur noch aus akademischen Perspektiven heraus zu führen. Viele gesellschaftliche Konflikte entstehen heute nicht aus Bosheit, sondern aus Entfremdung. Wer diese Entfremdung ignoriert, überlässt das Feld jenen Kräften, die einfache Feindbilder anbieten.
Interessant ist dabei, dass dieselbe Logik inzwischen auch die Diskussion über politische Repräsentation prägt. Gerade in linken Parteien wird zunehmend die Vorstellung vertreten, Demokratie müsse gesellschaftliche Gruppen möglichst exakt spiegeln. Vielfalt wird dabei immer häufiger statistisch gedacht.
Natürlich kann es sinnvoll sein, Beteiligung aktiv zu fördern oder strukturelle Hürden sichtbar zu machen. Auch innerparteiliche Quoren halte ich deshalb als Übergangsinstrument nicht grundsätzlich für illegitim. Problematisch wird es jedoch dort, wo aus Förderung ein dauerhaftes politisches Ordnungsprinzip entsteht.
Genau deshalb sehe ich Forderungen nach gesetzlich erzwungener Geschlechterparität bei Wahllisten extrem kritisch. Denn damit wird politische Repräsentation letztlich wieder auf biologische Kategorien reduziert – also auf genau jene Logik, die moderne Gleichberechtigung eigentlich überwinden wollte.
Qualifikation, Haltung und demokratische Legitimation müssen in einer freien Gesellschaft wichtiger sein als Geschlecht. Oder zugespitzt:
Wer politische Mandate primär nach biologischen Merkmalen organisiert, ersetzt individuelle Freiheit schrittweise durch gesellschaftliche Gruppenzuordnung.
Das bedeutet ausdrücklich nicht, bestehende Unterschiede oder strukturelle Probleme zu ignorieren. Aber Demokratie lebt nicht davon, Menschen zuerst als Vertreter bestimmter Gruppen zu betrachten. Sie lebt davon, Bürgerinnen und Bürger als Individuen ernst zu nehmen.
Gerade auf kommunaler Ebene wird das sichtbar. In einer Fraktion oder Arbeitsgruppe funktionieren aus meiner Erfahrung nicht möglichst homogene Teams am besten, sondern unterschiedliche Persönlichkeiten mit verschiedenen Perspektiven, Temperamenten und Erfahrungen. Nicht das Geschlecht verbessert Entscheidungen, sondern die Fähigkeit zum kritisch-konstruktiven Dialog.
Vielfalt bedeutet deshalb nicht automatische Gleichverteilung. Vielfalt bedeutet, Unterschiedlichkeit auszuhalten, ohne daraus neue ideologische Schablonen zu machen.
Die Suche nach der eigenen Rolle
Vielleicht hat mich die Folge auch deshalb beschäftigt, weil ich selbst unterschiedliche Phasen von Männlichkeit erlebt habe: als Sohn, Ehemann, Vater, Hauptverdiener und mittlerweile Mittfünfziger. Und je älter ich werde, desto weniger glaube ich an starre Rollenbilder.
Was bleibt, ist eher die dauerhafte Suche nach der eigenen Identität. Die Frage, welche Verantwortung man übernimmt. Wie man mit Stärke umgeht. Wie viel Verlässlichkeit man anderen bietet. Und wie man gleichzeitig bei sich selbst bleibt.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Erkenntnis dieser Debatte:
Männlichkeit ist kein fertiger Zustand. Sie ist ein fortlaufender Aushandlungsprozess zwischen Erwartungen, Erfahrungen und persönlicher Haltung.
Das macht sie manchmal widersprüchlich. Aber vielleicht ist genau diese Widersprüchlichkeit menschlicher als jedes ideologische Rollenbild.
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Warum diese Reihe
Mit „Lanz & Precht – vor Ort“ übersetze ich die großen Debatten des Podcasts in konkrete kommunalpolitische Fragen. Welche Thesen werden hier eigentlich verhandelt? Welches Politik- und Menschenbild steckt dahinter? Was bedeutet das ganz praktisch für Städte, Gemeinden und lokale Demokratie? Und wo sehe ich Zustimmung, Zweifel oder klaren Widerspruch? „Lanz & Precht – vor Ort“ steht für Analyse, Einordnung und lokale Erdung. Es ist mein Blick auf den Podcast aus kommunalpolitischer Perspektive. Dieser Newsletter steht in keinem Zusammenhang mit dem Original-Podcast „Lanz & Precht“ und versteht sich ausdrücklich als unabhängige Kommentierung.
Fortsetzung folgt…