Heimat ist ein Wort, das zugleich wärmt und polarisiert. In Folge 234 von Lanz & Precht („Heimat, ein Anker in der diffusen Gegenwart“) nähern sich Markus Lanz und Richard David Precht diesem Begriff als emotionalem Anker – und als politischer Kategorie. Genau diese Doppelrolle macht ihn so sensibel.

Die Sicht von Lanz und Precht

Precht beschreibt Heimat als lange „heimatlosen Begriff“, verdrängt oder politisch einseitig besetzt, nun aber wiederentdeckt als Gegenbewegung zur Globalisierung und zum Gefühl eines „seelischen Ausverkaufs“. Heimat erscheint als Schutzraum gegen Beschleunigung und Entgrenzung.

Das ist eine nachvollziehbare Diagnose.

Gleichzeitig werde ich vorsichtig, wenn Globalisierung und Heimat zu Gegensätzen stilisiert werden.

Hier vermischen sich ökonomische Strukturfragen, kulturelle Identität und biografische Erfahrung.

Lanz bleibt nüchterner: Für ihn ist Heimat vor allem Beziehung – vertraute Menschen, Rituale, Orte der Wiederkehr. Diese Erdung tut der Debatte gut.

Die Ambivalenz der Zugehörigkeit

Beide betonen die Doppelgesichtigkeit des Begriffs. Heimat stiftet Bindung – und arbeitet zugleich mit Abgrenzung. Wer gehört dazu? Wer definiert das „Wir“?

Genau hier beginnt die politische Aufladung. Wenn Heimat ethnisch verengt wird, wird sie zum Kampfbegriff. Wenn demokratische Kräfte sie meiden, überlassen sie sie denen, die sie exklusiv deuten. Das halte ich für strategisch falsch.

Heimat muss weder nostalgisch noch ausgrenzend verstanden werden. Sie kann als gestaltbarer Raum gedacht werden – offen, aber nicht beliebig.

Lingen: Heimat im historischen Wandel

Ein Blick auf Lingen relativiert jede Vorstellung von statischer Homogenität.

Nach 1945 nahm die Stadt rund 4.250 Flüchtlinge und Evakuierte auf – mehr als 20 Prozent der damaligen Bevölkerung. In einzelnen umliegenden Orten lag der Anteil sogar über 30 Prozent. Relativ betrachtet war dieser Einschnitt gravierender als viele heutige Zuzüge.

In den 1990er Jahren folgte eine weitere Phase mit Spätaussiedlern und Geflüchteten aus den Balkan-Kriegen. Und 2015 nahm Lingen rund 1.000 Geflüchtete auf und war darüber hinaus zentraler Notunterkunfts-Standort im Emsland.

Nach relativ aktuellen Zahlen, leben rund 7.600 Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit in der Stadt, das entspricht gut 13 Prozent der Bevölkerung. Die Stadt ist vielfältiger geworden – nicht plötzlich, sondern in mehreren historischen Phasen.

Diese Zahlen zeigen: Heimat in Lingen war immer wieder in Bewegung. Veränderung ist kein Ausnahmezustand, sondern Teil unserer Geschichte.

Heimat als gemeinsame Aufgabe

Heimat entsteht jedoch nicht automatisch durch bloße Anwesenheit. Sie wächst dort, wo Menschen sich einbringen. Sie ist kein Konsumgut, sondern ein Beziehungsraum. Wer mitgestaltet, wird Teil des Ganzen.

Das bedeutet: Heimat ist Einladung und Anspruch zugleich. Zugehörigkeit entsteht durch Mitwirkung – durch Engagement, durch Übernahme von Verantwortung, durch Akzeptanz gemeinsamer Regeln. Das ist keine Härte, sondern die Voraussetzung für Stabilität.

Kommunal gedacht: Struktur statt Symbolik

Kommunal gedacht heißt das: Heimat ist eine Organisationsaufgabe. Sie entscheidet sich nicht im Leitartikel, sondern im Bebauungsplan, im Haushaltsansatz und im Vereinsheim.

In Laxten wird das konkret. Heimat entsteht dort, wo Infrastruktur Begegnung ermöglicht. Die Frage, ob Sportanlagen, kirchliche Räume oder Schulhöfe lebendige Treffpunkte bleiben, ist keine Nebensache. Wer hier spart, spart an sozialer Bindung.

Ebenso zentral ist das Ehrenamt. Vereine, Fördergemeinschaften, kirchliche Gruppen und Initiativen tragen einen erheblichen Teil des Zusammenhalts. Kommunalpolitik muss hier verlässlich sein – durch Planungssicherheit, pragmatische Unterstützung und Respekt vor der Zeit der Engagierten. Übermäßige Bürokratie schwächt mehr, als sie ordnet.

Integration gehört ebenfalls in diesen strukturellen Zusammenhang. Wer neu nach Laxten oder Lingen kommt, braucht Zugang zu Sprache, Arbeit, Bildung und Vereinsstrukturen. Gleichzeitig ist Beteiligung keine Einbahnstraße. Mitwirkung und Regelakzeptanz sind Teil des gemeinsamen Projekts.

Bei Integration genießt niemand Zuschauerstatus.

Konflikte bleiben dabei unvermeidlich. Unterschiedliche Erfahrungen und kulturelle Prägungen führen zu Spannungen. Kommunalpolitik hat die Aufgabe zu moderieren, nicht zu moralisieren. Nicht jedes Problem ist ein Kulturkampf – aber auch nicht jedes Unbehagen bloß Einbildung. Stabilität entsteht durch klare Verfahren und faire Erwartungen.

Schließlich gehört auch die demografische Realität dazu: alternde Bevölkerung, mobile Arbeitsbiografien, veränderte Familienmodelle. Heimatpolitik heißt daher auch, Wohnraum klug zu entwickeln, Generationen zu verbinden, Nahversorgung zu sichern und digitale Infrastruktur auszubauen. Strukturpolitik ist immer auch Beziehungspolitik.

Die historischen Erfahrungen Lingens – nach 1945, in den 1990er Jahren und seit 2015 – zeigen: Veränderung wurde nicht durch Verdrängung bewältigt, sondern durch konkrete Organisation von Wohnraum, Schule, Ehrenamt und Verwaltung. Es war anstrengend. Aber es war gestaltbar.

Diese Podcastfolge von Lanz & Precht liefert keinen fertigen Bauplan. Aber sie legt eine zentrale Frage offen: Verstehen wir Heimat als Abwehrbegriff – oder als Gestaltungsauftrag?

Meine Überzeugung ist klar: Heimat gehört in die demokratische Mitte. Sie ist weder nostalgischer Rückzugsort noch identitätspolitische Parole. Sie ist die verantwortete Gestaltung des Ortes, an dem wir leben.

Oder nüchtern gesagt: Heimat entsteht dort, wo Menschen nicht nur wohnen, sondern mitmachen – und wo Mitmachen möglich ist.

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Warum diese Reihe

Mit „Lanz & Precht – vor Ort“ übersetze ich die großen Debatten des Podcasts in konkrete kommunalpolitische Fragen.

Welche Thesen werden hier eigentlich verhandelt? Welches Politik- und Menschenbild steckt dahinter? Was bedeutet das ganz praktisch für Städte, Gemeinden und lokale Demokratie? Und wo sehe ich Zustimmung, Zweifel oder klaren Widerspruch?

„Lanz & Precht – vor Ort“ steht für Analyse, Einordnung und lokale Erdung. Es ist mein Blick auf den Podcast aus kommunalpolitischer Perspektive. Dieser Newsletter steht in keinem Zusammenhang mit dem Original-Podcast „Lanz & Precht“ und versteht sich ausdrücklich als unabhängige Kommentierung.

Fortsetzung folgt

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