Gedanken zur Folge 228 von Lanz & Precht – und darüber, warum stabile Demokratie im Kleinen beginnt
Die Folge „Revolution – wann gelingt sie und wann nicht?“ beginnt mit einer unbequemen Wahrheit: Die meisten Revolutionen scheitern. Und viele von denen, die Erfolg haben, führen nicht in Freiheit, sondern in neue Formen von Unterdrückung. Was zunächst ernüchternd klingt, ist bei näherem Hinsehen vor allem eine Einladung zur politischen Nüchternheit.
Macht schlägt Empörung
Markus Lanz und Richard David Precht nähern sich dem Thema nicht romantisch, sondern analytisch. Ausgangspunkt ist der Aufstand im Iran – Bilder von Mut und Verzweiflung, verbunden mit der Frage, was aus Protesten wird, wenn ein Regime bereit ist, Gewalt konsequent einzusetzen. Precht ordnet das mit den Thesen des Revolutionsforschers Jack Goldstone ein: Entscheidend ist nicht die Größe der Empörung, sondern ob Machtträger – Militär, Sicherheitsapparate, Verwaltung – ihre Loyalität aufkündigen. Ohne diesen Bruch bleibt selbst der heroischste Protest politisch wirkungslos.
Revolution als Machtprozess
Diese Perspektive zieht sich durch die gesamte Folge. Revolutionen sind keine moralischen Ereignisse, sondern Machtprozesse. Sie scheitern nicht selten daran, dass Strukturen stabiler sind als der Wille zur Veränderung. Und sie kippen dort, wo Opportunismus die Oberhand gewinnt: wenn Akteure ihre Ideale dem Moment anpassen, sobald Macht greifbar wird.
Der deutsche Sonderfall
Interessant wird es, als der Blick auf Deutschland fällt. Die Bundesrepublik kennt – anders als Frankreich oder die USA – keine blutige Gründungsrevolution. Die friedliche Revolution von 1989 ist eine Ausnahme, ein historischer Glücksfall. Lanz fragt, warum dieses Ereignis bis heute erstaunlich wenig identitätsstiftend wirkt. Precht deutet das als Ausdruck einer insgesamt wenig revolutionären politischen Kultur in Deutschland.
Was das für Kommunen bedeutet
Gerade hier wird die Folge für die Kommunalpolitik besonders anschlussfähig. Denn sie legt nahe, dass stabile Demokratie weniger von großen Umbrüchen lebt als von etwas deutlich Unspektakulärerem: von tragfähigen Institutionen, klaren Regeln und einer Politik, die nicht nur auf Krisen reagiert, sondern eine Idee für die Zukunft verfolgt.
Kommunalpolitik ist genau der Ort, an dem sich diese Einsicht bewähren muss. Nicht im Ausnahmezustand, sondern im Alltag.
Es geht darum, Orientierung zu geben: Wohin soll sich unsere Stadt entwickeln? Welche Prioritäten setzen wir bei Wohnen, Infrastruktur, Zusammenhalt, Beteiligung? Wer diese Fragen nicht beantwortet, überlässt das Feld kurzfristigen Stimmungen und wachsendem Frust.
Selbsttreue als politische Ressource
Ebenso zentral ist die Frage der Selbsttreue. Lanz und Precht zeigen am Beispiel gescheiterter Revolutionen, wie schnell Ideale geopfert werden, sobald Macht im Spiel ist. Kommunalpolitisch übersetzt heißt das:
Glaubwürdigkeit entsteht nicht durch moralische Zuspitzung, sondern durch verlässliches Handeln – auch dann, wenn Entscheidungen unpopulär sind.
Demokratie entsteht im Alltag
Am Ende lässt sich aus dieser Folge eine stille, aber klare Lehre ziehen: Die beste Vorsorge gegen politische Radikalisierung ist keine perfekte Welt, sondern eine funktionierende. Demokratie wird nicht im großen Moment gerettet, sondern im täglichen Zusammenspiel von Verwaltung, Ehrenamt, Politik und Bürgerschaft.
Meine Einschätzung
Folge 228 ist ein Plädoyer gegen politische Illusionen – und damit zugleich ein Plädoyer für kommunale Verantwortung.
Wer heute an stabilen Strukturen, fairen Verfahren und einer klaren Zukunftsidee arbeitet, sorgt dafür, dass der Ruf nach dem großen Bruch gar nicht erst laut wird.
Und das ist, bei aller Nüchternheit, vielleicht die wirksamste Form politischer Gestaltung.
Warum diese Reihe
Mit ‚Lanz & Precht – vor Ort‘ übersetze ich die großen Debatten des Podcasts in konkrete kommunalpolitische Fragen:
Welche großen Thesen werden verhandelt? Welches Politik- und Menschenbild steckt dahinter? Was heißt das konkret für Städte, Gemeinden und lokale Demokratie? Und wo sehe ich Zustimmung, Zweifel oder Widerspruch?
‚Lanz & Precht – vor Ort‘ – Analysen, Einordnung und lokale Bezüge. Mein Blick auf den Podcast aus kommunaler Perspektive. Dieser Newsletter steht in keinem Zusammenhang mit dem Original-Podcast ‚Lanz & Precht‘ und ist eine unabhängige Kommentierung.
Fortsetzung folgt…