In Folge 230 von Lanz & Precht geht es nicht um einen weiteren geopolitischen Aufreger, sondern um einen tieferliegenden Befund: Die Illusion einer stabilen, regelbasierten Weltordnung trägt nicht mehr. Donald Trump steht dabei weniger für die Ursache dieses Bruchs als für seine radikale Sichtbarmachung.

Trump, Aufmerksamkeit und die Erosion der Ordnung

Ein zentrales Motiv der Folge ist Trumps Fähigkeit, Politik über Aufmerksamkeitssteuerung zu betreiben. Trump handelt nicht strategisch im klassischen Sinn, sondern kommunikativ. Er setzt Themen durch Provokation, zwingt Medien, Märkte und Regierungen in einen permanenten Reaktionsmodus und verschiebt politische Prioritäten, indem er Erwartungen bewusst bricht. Markus Lanz beschreibt diese Dynamik journalistisch nüchtern: Trump dominiert Diskurse, weil er die Mechanik öffentlicher Aufmerksamkeit besser beherrscht als seine Gegner. Richard David Precht ergänzt philosophisch, dass diese Form der Politik nur deshalb funktioniert, weil westliche Gesellschaften selbst aufmerksamkeitsgetrieben, kurzatmig und moralisch überreizt agieren.

Trump erscheint damit weniger als Gestalter einer neuen Ordnung, sondern als Katalysator einer bereits erodierten. Er zerstört die Weltordnung nicht – er handelt so, als existiere sie längst nicht mehr. Multilaterale Regeln werden ignoriert oder instrumentalisiert, Institutionen wie WTO oder UN sind blockiert, Macht ersetzt Verlässlichkeit. Venezuela, Grönland oder innenpolitische Gewalt sind in der Diskussion keine Einzelfälle, sondern Symptome eines Systems ohne wirksame Durchsetzungskraft. Trump testet nicht Grenzen, er nutzt ihre Abwesenheit.

Carneys Davos-Rede: Neue Realitäten

Vor diesem Hintergrund gewinnt die Diskussion um Mark Carneys Davos-Rede ihr Gewicht. Carney formuliert keinen moralischen Appell, sondern eine nüchterne Diagnose: Die regelbasierte Ordnung ist institutionell gelähmt, der Westen hat durch Doppelmoral Vertrauen verspielt, und universalistische Ansprüche sind unter geopolitischem Wettbewerb nicht mehr tragfähig. Seine Antwort ist ein interessengeleiteter, werteorientierter Realismus, der auf kleinere, handlungsfähige Zusammenschlüsse setzt – mit Fokus auf Resilienz, Lieferketten, Energie, Technologie und wirtschaftliche Stabilität.

An dieser Stelle trennen sich die Lesarten von Lanz und Precht – und hier setzt auch meine Kritik an. Precht interpretiert Carneys Rede als moralische, wertbasierte Erneuerung des Westens: als Versuch, verlorene Glaubwürdigkeit durch Selbstkritik und normative Neuverortung zurückzugewinnen. Diese Lesart überzeugt mich nicht. Carney argumentiert weniger moralisch als strategisch.

Seine Diagnose lautet nicht: „Wir müssen bessere Werte vertreten“, sondern: „Das bestehende System funktioniert nicht mehr und wird von den Großmächten gezielt blockiert oder missbraucht.“

Über Moral, Wert und Interessen

Das von Carney skizzierte Netzwerk der Mittelmächte ist aus meiner Sicht kein moralisches Projekt, sondern ein Abgrenzungsprojekt. Es richtet sich ausdrücklich gegen die dominanten Interessen der USA, Chinas und Russlands, reduziert globale Ambitionen und konzentriert sich auf handfeste Eigeninteressen. Werte spielen dabei eine Rolle, aber nur als Mindestkonsens für Verlässlichkeit – nicht als identitätsstiftender Überbau.

Precht überhöht diesen Ansatz philosophisch und liest eine wertepolitische Kontinuität hinein, die Carney gerade infrage stellt.

Damit wird aus einem strategischen Rückbau von Illusionen eine moralische Fortschreibung des westlichen Selbstbildes.

Markus Lanz bleibt näher an der realpolitischen Konsequenz der Rede. Carney fordert keine bessere Ordnung, sondern eine kleinere, interessengeleitete und durchsetzungsfähige. Europa soll nicht moralisches Vorbild sein, sondern handlungsfähig bleiben – in einer Welt, in der Regeln nur dort gelten, wo Macht sie trägt.

Weltordnungsbruch im Maßstab des Alltags

Die in Folge 230 beschriebene Erosion der Weltordnung ist kein fernes geopolitisches Phänomen. Sie zeigt sich im kommunalpolitischen Alltag in verdichteter Form. Auch hier geraten Ordnungssysteme unter Druck – nicht weil Regeln fehlen, sondern weil Verlässlichkeit, Durchsetzbarkeit und Zuständigkeitsklarheit schwinden.

Eine kommunalpolitische Einordnung

Was global als institutionelle Lähmung von WTO oder UN beschrieben wird, erleben Kommunen als Überforderung von Verwaltungen: neue Aufgaben ohne auskömmliche Finanzierung, wachsende rechtliche Risiken, Fachkräftemangel und steigende Erwartungshaltungen. Formale Zuständigkeit trifft auf begrenzte Handlungsmacht. Das erzeugt Frust – bei Bürgerinnen und Bürgern ebenso wie bei denjenigen, die Verantwortung tragen.

Trumps Politik der Aufmerksamkeitssteuerung findet auf lokaler Ebene ihr Pendant. Einzelereignisse, zugespitzte Vorfälle oder digitale Empörungswellen erzeugen dauerhaften Reaktionsdruck. Strategische Fragen – Infrastruktur, Personal, Haushalt, gesellschaftlicher Zusammenhalt – geraten in den Hintergrund. Auch Kommunalpolitik wird zunehmend im Modus des Getriebenwerdens betrieben.

Gerade hier wird Carneys Ansatz anschlussfähig. Seine Abkehr von universalen Ansprüchen zugunsten handlungsfähiger Zusammenschlüsse lässt sich kommunalpolitisch als Plädoyer für Realismus und Priorisierung lesen. Kommunen können nicht alles leisten. Handlungsfähigkeit entsteht dort, wo Aufgaben begrenzt, Verantwortung geklärt und Kooperationen pragmatisch organisiert werden – etwa durch interkommunale Zusammenarbeit, Zweckverbände oder regionale Netzwerke.

In diesem Sinne sind Kommunen die „Mittelmächte“ der Demokratie: weder souverän noch ohnmächtig, aber auf funktionierende Strukturen angewiesen. Ihre Stärke liegt nicht in moralischer Überhöhung, sondern in Verlässlichkeit, Umsetzungskraft und Nähe zur Realität.

Mein Fazit

Folge 230 ist weniger eine Trump-Debatte als eine Abrechnung mit westlichen Selbsttäuschungen. Aufmerksamkeit ersetzt Strategie, Empörung ersetzt Ordnung, Moral ersetzt Machtfähigkeit. Trump nutzt dieses Vakuum konsequent. Carney benennt es offen. Und Europa steht vor der unbequemen Aufgabe, sich von Illusionen zu verabschieden, ohne sich neue zu machen.

Die Folge zeigt, dass der Abschied von Illusionen nicht zur Resignation führen muss. Kommunalpolitisch gelesen bedeutet er vor allem eines: weniger Anspruch, mehr Klarheit – und die Rückbesinnung auf das, was tatsächlich gestaltbar ist.

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Warum diese Reihe

Mit ‚Lanz & Precht – vor Ort‘ übersetze ich die großen Debatten des Podcasts in konkrete kommunalpolitische Fragen:

Welche großen Thesen werden verhandelt? Welches Politik- und Menschenbild steckt dahinter? Was heißt das konkret für Städte, Gemeinden und lokale Demokratie? Und wo sehe ich Zustimmung, Zweifel oder Widerspruch?

‚Lanz & Precht – vor Ort‘ – Analysen, Einordnung und lokale Bezüge. Mein Blick auf den Podcast aus kommunaler Perspektive. Dieser Newsletter steht in keinem Zusammenhang mit dem Original-Podcast ‚Lanz & Precht‘ und ist eine unabhängige Kommentierung.

Fortsetzung folgt…

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