Die aktuelle Folge 233 von Lanz & Precht „Epstein: Elite ohne Moral?“ nimmt den Fall Jeffrey Epstein zum Anlass für eine grundsätzliche Debatte über Macht, Reichtum und demokratische Integrität. Dabei geht es weniger um neue Details als um eine strukturelle Irritation: Wie konnte es sein, dass ein verurteilter Sexualstraftäter weiterhin Zugang zu einflussreichen Kreisen hatte – und was sagt das über die Normbindung von Eliten aus?
Epstein war 2008 rechtskräftig verurteilt. Dennoch blieben Kontakte bestehen. Namen wie Prince Andrew oder Bill Clinton stehen exemplarisch für eine Nähe, die politisch und moralisch erklärungsbedürftig bleibt. Der öffentliche Eindruck ist fatal: Für manche gelten offenbar andere Maßstäbe.
Damit verschiebt sich die Debatte vom Einzelfall zur Systemfrage. Nicht moralische Empörung steht im Zentrum, sondern die Stabilität demokratischer Gleichheit.
Demokratie lebt vom Versprechen gleicher Maßstäbe – nicht vom Mythos moralischer Eliten.
Die Erosion durch fehlende Konsequenz
Markus Lanz argumentiert entlang konkreter Verantwortlichkeiten. Seine Perspektive ist journalistisch, normativ und institutionell geprägt. Er entfaltet eine nachvollziehbare Argumentationskette: Bekanntes Fehlverhalten, fortgesetzte Kontakte, späte Distanzierung, selektive Konsequenzen. Für ihn liegt der demokratische Schaden weniger im individuellen Fehltritt als in der fehlenden oder verspäteten Sanktion.
Der Kern seiner Kritik lautet: Wenn Status und Vermögen faktisch vor spürbaren Konsequenzen schützen, verliert der Rechtsstaat an Glaubwürdigkeit. Das Problem ist nicht nur juristisch, sondern symbolisch. Bürgerinnen und Bürger registrieren sehr genau, ob Maßstäbe tatsächlich gleich angewendet werden.
Nicht der Skandal zerstört Vertrauen, sondern die Wahrnehmung doppelter Standards.
Implizit steht hinter Lanz’ Argumentation ein institutionell-optimistisches Menschenbild. Er geht davon aus, dass Menschen fehlbar sind – aber korrigierbar durch funktionierende Strukturen. Institutionen sind für ihn kein Störfaktor, sondern das notwendige Korrektiv menschlicher Schwächen. Wenn sie konsequent handeln, können sie Vertrauen stabilisieren. Der Mensch ist in dieser Sicht nicht moralisch überlegen, aber durch klare Regeln steuerbar.
Dieses Vertrauen in die ordnende Kraft des Rechtsstaats ist keine Naivität, sondern ein politischer Anspruch: Normen müssen sichtbar durchgesetzt werden, damit sie Wirkung entfalten.
Macht als anthropologische Konstante
Richard David Precht wählt einen anderen Zugang. Er deutet den Fall historisch und kulturphilosophisch. Machtmissbrauch sei keine moderne Anomalie, sondern eine wiederkehrende Konstante. Von antiken Eliten bis zu absolutistischen Höfen: Wo Kontrolle abnimmt, wachsen Grenzüberschreitungen.
Seine zentrale These lautet: Moral ist sanktionsabhängig. Wo Sanktionen unwahrscheinlich werden, verändern sich Verhaltensmuster. Reichtum reduziert soziale Abhängigkeiten. Wer wirtschaftlich unangreifbar ist, entzieht sich sozialen Korrektiven leichter. Marktnormen verdrängen Sozialnormen.
Macht korrumpiert nicht zwangsläufig – aber sie entgrenzt, wenn niemand sie begrenzt.
Hinter dieser Argumentation steht ein nüchternes, eher realistisches Menschenbild. Der Mensch ist für Precht kein grundsätzlich moralisches Wesen, das nur durch schlechte Umstände verführt wird. Vielmehr ist er anfällig für Versuchungen, wenn strukturelle Begrenzungen fehlen. Moral entsteht nicht aus innerer Reinheit, sondern aus sozialer Einbettung und wirksamer Sanktion.
Das ist weniger moralische Anklage als anthropologische Skepsis. Ohne Begrenzung wächst Enthemmung – nicht, weil Menschen „böse“ sind, sondern weil Macht Anreize verschiebt.
Der gemeinsame Knotenpunkt: Vertrauen als demokratische Ressource
So unterschiedlich Tempo und Akzent sind, beide Argumentationen treffen sich an einem zentralen Punkt: Demokratie basiert auf der Erwartung gleicher Normbindung. Sie lebt nicht nur von Verfahren, sondern von der Überzeugung, dass Status keine Sonderrechte begründet.
Demokratie stirbt nicht an Skandalen. Sie stirbt an der Gewöhnung an Ungleichheit.
Der Unterschied liegt im Akzent: Lanz betont die institutionelle Korrekturfähigkeit, Precht die anthropologische Anfälligkeit. Der eine vertraut stärker auf die Reparaturkraft funktionierender Systeme, der andere erinnert daran, dass Systeme gerade wegen menschlicher Schwächen notwendig sind.
Implizit ergänzen sich beide Sichtweisen. Lanz’ Optimismus braucht Prechts Skepsis als Realitätsanker. Prechts Skepsis wiederum braucht Lanz’ institutionelles Vertrauen, um nicht im Fatalismus zu enden. Zwischen beiden Positionen verläuft keine ideologische Front, sondern eine Frage der Gewichtung: Wie viel Zutrauen verdient der Mensch – und wie viel Begrenzung braucht er?
Nähe, Verantwortung und Maßstab – die kommunalpolitische Perspektive
Kommunal gedacht heißt das: Vertrauen entsteht durch Transparenz und überprüfbare Verfahren. Nähe allein genügt nicht.
Auf lokaler Ebene wirken Überschaubarkeit und persönliche Verantwortung stabilisierend. Entscheidungen sind greifbar, Zuständigkeiten klarer, soziale Rückkopplungen unmittelbarer. Doch auch hier gilt: Ehrenamt schützt nicht vor Fehlverhalten, und informelle Netzwerke können ebenso problematisch sein wie exklusive Zirkel auf internationaler Bühne.
Der qualitative Unterschied liegt nicht in höherer Moral, sondern in höherer Sichtbarkeit.
Kommunalpolitik ist kein moralischer Sonderraum – sie ist ein Transparenzraum.
Für mich persönlich ist dabei entscheidend: Mein Anspruch ist eine tragfähige Balance aus Sozial- und Eigenverantwortung. Politik darf weder paternalistisch überformen noch individuelle Verantwortung relativieren. Mein Menschenbild speist sich aus Erfahrung: Der Mensch ist nicht grundsätzlich böse. Aber er ist fehlbar. Deshalb braucht er klare Regeln – und zugleich Vertrauen in seine Fähigkeit zur verantwortlichen Entscheidung.
Ich halte wenig von moralischer Überhöhung, aber ebenso wenig von anthropologischem Pessimismus. Gute Politik verbindet Zutrauen mit Struktur.
Vertrauen braucht Regeln – und Regeln brauchen Vertrauen.
Gerade in der Kommunalpolitik entscheidet sich, ob diese Balance gelingt. Haushaltsfragen, Bauprojekte, Personalentscheidungen – all das ist konkret. Und genau dort wird sichtbar, ob Maßstäbe gelten oder situativ verschoben werden.
____________________________________________________________________________________
Warum diese Reihe
Mit „Lanz & Precht – vor Ort“ übersetze ich die großen Debatten des Podcasts in konkrete kommunalpolitische Fragen.
Welche Thesen werden hier eigentlich verhandelt? Welches Politik- und Menschenbild steckt dahinter? Was bedeutet das ganz praktisch für Städte, Gemeinden und lokale Demokratie? Und wo sehe ich Zustimmung, Zweifel oder klaren Widerspruch?
„Lanz & Precht – vor Ort“ steht für Analyse, Einordnung und lokale Erdung. Es ist mein Blick auf den Podcast aus kommunalpolitischer Perspektive. Dieser Newsletter steht in keinem Zusammenhang mit dem Original-Podcast „Lanz & Precht“ und versteht sich ausdrücklich als unabhängige Kommentierung.
Fortsetzung folgt